Von Norbert Kostede

ZEIT: Gemeinsam mit Joschka Fischer appellieren Sie an die kritische Öffentlichkeit, das Projekt einer ökologischen und radikaldemokratischen Oppositionspartei nicht aufzugeben. Täuscht dieser Appell nicht über ein tiefsitzendes Gefühl vom "Ende der Grünen" hinweg?

Antje Vollmer: Im Gegenteil. Dies ist das Ende der Grünen, wie sie waren. Wir waren bisher nur Vorläufer einer wirklichen Epochenpartei. Nur in anderer Form, nur in anderer Gestalt kann es mit den Grünen weitergehen. Im Parteikorsett ging das Gefühl für unseren Generationenauftrag verloren: daß es um eine Politik für das nächste Jahrtausend geht, konzentriert auf die Ökologiefrage, auf die Menschen- und Bürgerrechte. Wir Grünen wußten selber nicht mehr so richtig, daß das geklappt hat. Wenn wir unsere eigenen Leistungen nicht schätzen, warum sollten wir dann von anderen gewählt werden?

ZEIT: Im Vergleich zu Lafontaine und Gysi gingen die Grünen recht "kopflos" in den Wahlkampf. Sie selbst mußten aus dem Bundestag rotieren. Sind die radikaldemokratischen Experimente der Grünen an den Klippen der Mediendemokratie gescheitert?

Antje Vollmer: Gerade jetzt bin ich äußerst zurückhaltend mit einem Generalknicks vor den bestehenden Strukturen. Wenn Macht nicht schon in sich eine Faszination hätte, wäre Herr Rühe auch nur so aufregend wie ein Überbein. Sicherlich, das Rotationsmodell ist gescheitert. Die Rotation trug dazu bei, daß der Vertrauenstransfer zwischen den Wählern und der grünen Partei verlorenging. Viele Menschen haben ihre vertrauten Gesichter verloren, das ist wahr. Aber hier liegt nicht der Kern, wenn es um eine Erklärung des grünen Wahldebakels geht. Die Grünen haben ja das Parlament überhaupt erst mediengerecht modernisiert: Wir haben es mit der Alltagssprache verdrahtet, durch intelligente Direktheit, durch Überraschungseffekte. Die anderen Parteien sind durch uns klug geworden – das ist unser Pech.

ZEIT: Gibt es weitere Ursachen für die Wahlniederlage der Grünen?

Antje Vollmer: Die Niederlage hat viel mit einer innerparteilichen Appeasementpolitik zu tun. Grundsatzkonflikte wurden unter der Decke gehalten, um in kommenden Wahlen zu bestehen. Der Burgfrieden zwischen den hessischen Realos und dem mehrheitlich linken Bundesvorstand im vergangenen Halbjahr sollte über die Bundestags- und Hessenwahl hinweghelfen und stellt sich jetzt als Friedhofsruhe heraus. Dabei waren wir eigentlich etappenweise gewarnt worden: Nur mit großem Glück klappte im Frühjahr der Einzug in den nordrhein-westfälischen Landtag; die Verluste bei der Niedersachsen-Wahl waren gewaltig. Weil wir solche maßvollen Winke nicht ernst nahmen, haben wir uns jetzt eine übermäßige Katastrophe eingehandelt.