Von Fredy Gsteiger

Kopenhagen im Dezember

Ginge es nach den Taxifahrern in Kopenhagen, bliebe Poul Schlüter Dänemarks Regierungschef. "Schlüter natürlich – wer sonst?" steht auf ihren Wagendächern. Sie wirken beinahe aufreizend in einem ansonsten betulichen Wahlkampf, von dem sich die Dänen ungern aus der feuchtfröhlichen, vorweihnachtlichen Geselligkeit reißen lassen.

Auch im Hotel "Harmonien" des jütländischen Städtchens Haderslev stößt der konservative Ministerpräsident auf Sympathie. Schließlich stammt er aus der Gegend und hat hier das Gymnasium besucht.

Zur Begeisterung reicht das Wohlwollen freilich nicht. Schlüter sei ein "anständiger Mann, der seriös gearbeitet hat", meint ein Zuhörer. Das muß als Lob reichen. In Dänemark werden Politiker weder bejubelt noch gehaßt. Sie werden geduldet. Das Herz schlägt allenfalls für Margrethe II., die eben ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat und deren Doppelrolle als Bürgerkönigin und begabte Künstlerin den Leuten gefällt. Mit einer Mischung aus Faszination und Ekel haben die Dänen im Fernsehen den Schlagabtausch im deutschen Wahlkampf verfolgt. So etwas gilt als undänisch.

Dänisch ist hingegen Poul Schlüter. Doch warum er eine Neuwahl provoziert hat, obwohl der Kompromiß mit den oppositionellen Sozialdemokraten in der Wirtschaftspolitik schon "zu 98 Prozent" unter Dach und Fach war, leuchtet seinen Landsleuten nicht so recht ein. Selbst die konservative Berlingske Tidende verurteilte den "politischen Kurzschluß".

Ist der Regierungschef amtsmüde? Immerhin hat der "Übergangspremier", dem 1982 bestenfalls sechs Monate an der Staatsspitze prophezeit worden waren, nun schon acht Jahre regiert – länger als seine Vorgänger seit Jahrzehnten. Aber dänische Politik zermürbt: Sie trägt den Politikern wie anderswo auch die Bürde des Amtes ein, bietet ihnen aber nicht den Jungbrunnen der Macht. Kein Ministerpräsident kann wirklich regieren. Fortwährend muß er mit brüchigen Koalitionen Minderheitsregierungen führen. Die bissigen einheimischen Karikaturisten zeichnen denn Schlüter auch mit Vorliebe, wie er auf einem wackligen Steg um die Balance ringt.