Wir befinden uns im Jahre 1990 nach Christus. In ganz Europa nehmen die Frauen an politischen Entscheidungen teil... In ganz Europa? Nein! Ein paar von unbeugsamen Appenzellem bevölkerte Dorfer hören nicht auf, dem Gebot der Moderne Widerstand zu leisten.

So hatte wohl René Goscinny, der Schöpfer des bekanntesten Galliers, Asterix, formuliert. Doch kein vertrautes Idyll ist für die Ewigkeit geschaffen. Vorige Woche fiel – nicht ohne Wehklagen – Europas letzte Mannerbastion, der Schweizer Kanton Appenzell-Innerrhoden. Nun gehören selbst auf diesem von 13 000 Menschen bewohnten Fleckchen Erde im Schatten des Säntis und hoch über dem Bodensee die Zeiten der geschlechtlichen Apartheid der Vergangenheit an.

Dreimal, 1973, 1982 und 1990 verweigerten die Appenzeller Männer den Frauen standhaft und stur den Zugang zur Landsgemeinde, zur alljährlichen Volksversammlung, auf der gewählt und über kantonale Angelegenheiten abgestimmt wird. Sie hätten es wohl im kommenden Jahr wieder getan. Aber daran hinderte sie jetzt das helvetische Bundesgericht in Lausanne. Die politischen Rechte stehen über der Kantonssouveränität und kommen vor appenzellischer Folklore, befanden die obersten Schweizer Richter nach dreieinhalbstündigem Ringen. Die 49 Appenzeller Männer und 53 Frauen, die mit ihren Beschwerden einen höchstrichterlichen Entscheid erzwangen, wagten es kaum, auf ein solches Urteil zu hoffen. „Wir haben uns nicht getraut, die Möglichkeit zu Ende zu denken“, sagte Theres Rohner, die erste Beschwerdeführerin. Ihr Telephon bleibt aber auch in den kommenden Nächten ausgesteckt. Anonyme Anrufe hat sie genug bekommen.

Ein ausgreifender Schritt von sechs Bundesrichtern und einer Bundesrichterin, hatte doch ebendiese Behörde einmal beschieden, es sei „kühn“ zu behaupten, der Verfassungsartikel „Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich“ schließe auch die Frauen ein. Zugegeben, das geschah 1887. Seit immerhin neun Jahren gebietet die Verfassung die Gleichberechtigung der Geschlechter. Appenzell wurde deshalb ins 20. Jahrhundert gerufen.

„Ohne sichtbare Emotionen“, so schreibt die Lokalpresse, nahm der regierende Landamman, also der höchste Appenzeller, Beat Graf, vom Verdikt Kenntnis. „Allemal schwer verdaulich“ sei ein solcher Eingriff in die Hoheit eines Kantons, befand der Magistrat. Kleinlaut mußte er dann einräumen: „Wir haben uns den Entscheid selbst eingebrockt.“ Helle Empörung erfüllte hingegen den 76jahrigen Hans Speck, einen wackeren Kämpfer für die Sache des Mannes: Künftig gehe er gar nicht mehr zur Landsgemeinde. Daß Frauen nun auch „Landleute“ sein sollen, will er nicht verstehen.

Trotz gilt hier als Tugend. Alles, was aus der Außerschweiz kommt, also von außerhalb des eigenen 170 Quadratkilometer grünen Hügellandes, ist von vornherein verdächtig. Politisches Engagement von Frauen, so tönt es an manchem Stammtisch, sei sowieso nur damit zu erklären, „well’s de Recht nüd fonde hend“, weil sie den rechten Mann nicht gefunden haben. Den Rechten mögen einige noch suchen, Recht aber soll ihnen nun endlich widerfahren. Dies nicht zuletzt dank der „geschminkten Radauweiber“, den Zugezogenen und Eingeheirateten also, die nicht länger die Demütigung erdulden wollten, die Frauenmitsprache auf Hof, Herd und Hühner beschränkt zu sehen.

Appenzeller sind nicht einfach Menschen. Sie wollen Originale sein. Und originell ist hier, was dem Zeitgeist widerspricht und alles Moderne ablehnt. Manch knorrig-exotischem Einheimischen schwant nun Unheil: Genügen würziger Käse und deftiger Alpenkräuterschnaps, um das Markenzeichen Appenzeller rund um den Globus hochzuhalten? Anders gefragt: Wo bleibt Appenzells Weltgeltung ohne das Unikum der politischen Ohnmacht der Frauen?