Von Rolf Michaelis

Das hätten wir uns nie träumen lassen, daß wir über Vers 2421 von Kleists Lustspiel "Der Zerbrochne Krug" lachen. Über ein "unbestimmtes Fürwort" auch noch wie "irgendein", das der "Duden" so definiert: "Einen Zahlbegriff drücken diejenigen Indefinitpronomen aus, die eine beschränkte Anzahl, ein beschränktes Maß unbestimmt ausdrücken."

Jetzt drücken wir es ganz bestimmt aus – und zitieren Vers 2421: "So wird er wohl auf irgend einem Platze."

Hat jemand gelacht? Auch wenn wir den Blankvers in den Sinn- und Satz-Zusammenhang stellen, verzieht sich keine Miene. Der Gerichtsrat Walter denkt laut nach über den flüchtigen Dorfrichter Adam: "Doch sind die Kassen richtig, wie ich hoffe, / So wird er wohl auf irgend einem Platze / Noch zu erhalten sein. Fort, holt ihn wieder."

Und darüber haben sie im Deutschen Theater in Berlin gelacht, bei der Premiere von Thomas Langhoffs Inszenierung des Stückes, das der Intendant des Weimarer Hoftheaters, Goethe, 1808 uraufgeführt hat? Ja. Und es gibt andere Augenblicke vergnügten Einverständnisses, in denen sich der Besucher aus dem Westen, wie zu guten/schlechten DDR-Zeiten, in diesem berühmten Theater des anderen deutschen Staates – vielleicht ein letztes Mal – ausgeschlossen fühlt vom innigen Gedanken- und Gefühls-Austausch zwischen DDR-lern auf der Bühne und im Zuschauerraum.

Da versucht der seit Jahren vor sich hin justierende Dorfrichter dem aus der Stadt kommenden Revisor die Eigenarten der Rechtsfindung auf dem Lande zu erklären – und das Publikum am Vorabend der Vereinigungs-Wahl kichert: "Wir haben hier, mit Euerer Erlaubniß / Statuten, eigentümliche, in Huisum, / Nicht aufgeschriebene, muß ich gestehn, doch durch / Bewährte Tradition uns überliefert... / Doch auch in Eurer andern Form bin ich, / Wie sie im Reich mag üblich sein, zu Hause... / Ich kann Recht so jetzt, jetzo so erteilen."

Mehr als bloß Lustspiel-Vergnügen: wenn der alte Richter Adam die junge Eve – juridisch – bedrängt: "Ein Richter immer, weißt du, ist ein Richter, / Und einer braucht ihn heut, und einer morgen." Und unser Erschrecken: Ist auch nur einer der Blutrichter des Volksgerichtshofs im Westen des nun großen Deutschland vor ein Gericht gestellt, geschweige denn verurteilt worden? Richter gestern, Richter heute, Richter morgen ... Waren nicht Handlanger des "Rechts"-Staates, der nun die fünf neuen Bundesländer auch juristisch Mores lehren will, Juristen wie Globke, Oberländer, Filbinger e tutti quantif Da kann Lachen zum Brechreiz werden – auch wenn die ehemaligen DDR-Bürger rund um uns schon wieder glucksen, weil der Herr Rat aus der großen weiten Welt auf Gediegenheit und Gültigkeit seines Geldes pocht: "Vollwichtig, neugeprägte Gulden sinds."