Von Peter Christ

Unter zögernden Investoren, bankrotten Betrieben, ungeklärten Eigentumsfragen, grassierender Arbeitslosigkeit und wachsender Mutlosigkeit leidet Eisleben wie andere Städte in der seligen DDR. Doch im Geburts- und Sterbeort Martin Luthers, 35 Kilometer westlich von Halle inmitten des Mansfelder Landes gelegen, treibt die Marktwirtschaft erste sichtbare Knospen. Am Rande der Kreisstadt, neben der Fernstraße 80 nach Halle, sind innerhalb weniger Wochen fünf riesige weiße Zelte aus dem Boden gewachsen, die Bürgermeister Peter Pfützner (CDU) als „größtes Provisorium Deutschlands“ und „Hoffnung für unsere Stadt“ betrachtet.

Tatsächlich sind die Dimensionen dieses provisorischen Gewerbegebietes so ungewöhnlich wie das Tempo seiner Erschließung und das Verhalten von Behörden und Investoren.

Hans-Joachim Beckhaus, der für die Ingenieurfirma Grebner aus Mainz seit einem Monat an einer Studie zur Entwicklung der Stadt Eisleben arbeitete, wurde am 23. August gebeten, einen Vorschlag für die Nutzung von 200 000 Quadratmeter Land zu machen, auf dem bis dato Apfelbäume des volkseigenen Gutes standen. Der Diplom-Ingenieur bat um vier Stunden Bedenkzeit und präsentierte schon am Nachmittag seine Idee, dort ein provisorisches Gewerbegebiet einzurichten.

Am 3. September stellte er das mittlerweile verfeinerte Konzept dem Hauptausschuß der Stadtverordneten vor, drei Tage später genehmigte der Rat der Stadt Eisleben das Projekt. Nach weiteren zwei Wochen wurde formal die Freigabe des Grundstückes beantragt. Die vielgescholtene Treuhandanstalt zur Verwaltung des volkseigenen Vermögens, der das Gut nun gehört, brauchte nicht einmal drei Wochen für ihre Genehmigung. Die Wartezeit nutzte Initiator Beckhaus, um die Pläne in Kooperation mit der Kommune zu überarbeiten und mit der Firma Bilfinger + Berger Projektentwicklung in Frankfurt/Main zu verhandeln, die das ganze Vorhaben koordinieren und für die Finanzierung sorgen sollte.

„Wir sind wochenlang nicht aus den Socken gekommen“, sagt Beckhaus, der sich an seine dreizehn Jahre Arbeit bei der amerikanischen Armee erinnert fühlte, wo er bei der Vorbereitung von Manövern unter ähnlichem Zeitdruck improvisieren mußte. Großen Respekt zollt er den lokalen Behörden: „Die haben Ermessungsspielräume genutzt, von denen die Beamten in der alten Bundesrepublik gar nichts wissen und bei denen ich auch nicht sicher bin, daß es sie gibt.“

Angesichts der Großzügigkeit der Behörden wuchs das Projekt unaufhörlich. Anstatt der ursprünglich vorgesehenen Verkaufsfläche von 7000 Quadratmetern wird es 15 200 haben. Am 16. Oktober, also nur knapp zwei Monate, nachdem Beckhaus seine erste Idee hatte, begannen die Rodungsarbeiten auf der Apfelplantage. Seitdem schuften Bauarbeiter und Handwerker in Zwölf-Stunden-Schichten rund um die Uhr. Nahezu sämtliche Aufträge haben Betriebe aus der ehemaligen DDR bekommen.