Von Christian Wernicke

Ostberlin, im Dezember

Nein, Häme über die Schlappe der Bonner Oko-Partei empfinden sie nicht. Dazu gibt das eigene Ergebnis – gerade einmal 5,9 Prozent für die Listenverbindung von Burgerbewegungen und Grünen – auch zuwenig her. Allenfalls ein wenig Schadenfreude klingt an, wenn zum Beispiel Konrad Weiß laut über „die gravierenden Fehler der West-Grunen“ nachdenkt und lapidar hinzufügt: „Man kann eben nicht nur über das Ozonloch reden, wenn die Leute arbeitslos sind.“

Schon gar nicht, daran darf der gerade 48jahrige Dokumentarfilmer nun mit Genugtuung erinnern, wenn seit über einem Jahr deutsche Einigkeit, deutsches Recht und deutsche Freiheit Thema und Tenor der Politik sind. Konrad Weiß profilierte sich in der Volkskammer bis zuletzt als gleichsam radikaldemokratischer Realo mit nationaler Gesinnung. Sein Antrag am 17. Juni, das DDR-Parlament möge den sofortigen Beitritt nach Artikel 23 des Grundgesetzes beschließen, setzte die Fraktion vom Bündnis 90 einer harten Belastungsprobe aus und brachte ihm im Westen Schelte und Spott ein. Aber anders als die West-Grunen, die sich zu lange arrogant einer eigenen Antwort auf die nationale Frage verweigerten, rangen die Burgerbewegungen im Osten um ihr Bekenntnis – immerhin. Ihre „Basis“ ist noch immer die Bevölkerung, nicht nur irgendein selbstgewählter Zirkel.

Als Burgervertreter ziehen nun also acht ehemalige DDR-Dissidenten ins Parlament der Bundesrepublik ein. Keiner von ihnen kann, keiner will versuchen, die West-Grunen einfach zu ersetzen – auch Klaus-Dieter Feige und Vera Wollenberger nicht, die zumindest formal als Mitglieder der grünen Partei die kärgliche Nachfolge der Oko-Fraktion antreten. Im Gegenteil: Das Debakel der West-Grünen zwingt die ostdeutschen Partner auf Distanz. Bei Vera Wollenberger ging die Erschütterung so weit, daß sie am Montag nach der Wahl noch einmal „Aufschub“ für die Vereinigung der Grünen in Ost und West erbat. Allein, es war bereits geschehen – seit Mitternacht am 3. Dezember gibt es die eine, die gesamtdeutsche Partei.

Es ist nicht nur die Sorge, vielleicht auf ein sinkendes Schiff aufgesprungen zu sein, die Vera Wollenberger umtreibt. Vielmehr artikuliert die 38jährige Diplomphilosophin ein Gefühl vieler Mitglieder der Ex-DDR-Grünen, die vor dem Vertrag mit den fremden Grünen aus dem Westen lieber eine Einigung mit den alten Freunden aus den Bürgerbewegungen vom Neuen Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte gesehen hätten. Der Schock vom Sonntag belebte die Idee vom „Grünen Bürgerforum“ wieder, die vertraulich schon im Sommer zwischen den beiden Parlamentsfraktionen in Ostberlin und Bonn verhandelt worden war.

Damals fiel das Projekt den Zwängen des permanenten Wahlkampfes zum Opfer. Jetzt aber wäre Zeit, neu nachzudenken über ein Bürgerrechtsbündnis, das eher radikaldemokratische als öko-fundamentalistische Ansprüche erhebt, auch wenn dann mancher rote Grüne zur PDS abdriften mag. Schon wird über das „Modell Sachsen“ getuschelt: Die Grünen zwischen Görlitz und Leipzig verweigerten sich als einzige dem Parteienanschluß und wollen bis Mai nächsten Jahres einen gemeinsamen Weg mit den sachsischen Bürgerbewegungen gefunden haben. Erst dann werden sie mit dem grünen Bundesvorstand neu verhandeln – zu ihren Bedingungen.