Von Eckhard Roelcke

Man ist ja so stolz in Frankfurt. Rund zwanzig Jahre hat es gedauert, und aus der kleinen Großstadt ist endlich eine Metropole geworden. „Kultur für alle“ hieß das verordnete Programm, und die Kulturpolitiker haben dafür viel Geld ausgegeben. Jetzt steht an den südlichen Gestaden des Mains Museum neben Museum, jetzt glänzt repräsentativ die neue Alte Oper, und eine Kunstmesse gibt es seit zwei Jahren auch. Urbane Lebensqualität zwischen Startbahn West und Deutscher Bank – die Kultur macht’s möglich. Vorbildliches Frankfurt.

Jetzt aber ist das Gezeter und Gezerre groß. Seit Wochen wird in der Frankfurter Kulturpolitik polemisiert und intrigiert, gerechnet und getrickst. Da werden Claims neu abgesteckt, Indiskretionen in der Presse lanciert und ultimative Forderungen gestellt. Und das alles im Brustton tiefster Überzeugung. Jeder gegen jeden, und fast alle gegen eine: Linda Reisch.

Seit Mai ist sie Frankfurter Kulturdezernentin. Vor ihrer Wahl hatte sie immer wieder von der „Streitkultur“ gesprochen, die wichtig sei für eine Stadt wie Frankfurt. Jetzt ist der Streit da – mit Kultur jedoch hat er wenig zu tun. Nur auf den ersten Blick hängen die Schwierigkeiten, mit denen sie zur Zeit kämpft, mit dem Kulturhaushalt für 1991 zusammen: 480 Millionen Mark. Es geht aber nicht nur um dieses Geld, sondern auch um Eitelkeiten und Erbhöfe, um Einfluß und Macht. Das, was zur Zeit in Frankfurt geschieht, zeigt beispielhaft, wie kommunale Kulturpolitik heute funktioniert: Wie ein unübersichtlicher Subventionsbetrieb Begehrlichkeiten weckt, wie ein neuer Typus Mensch immer wichtiger wird: der Kulturmanager. Betonung auf Manager.

Seine äußeren Merkmale: Von einem Banker ist er nicht zu unterscheiden. Auch die Eigenschaften und Fähigkeiten sind durchaus vergleichbar: Ehrgeiz und Unnachgiebigkeit, knallharte Kalkulation und Kalkül – in jeder Lebenslage. Der Kulturmanager kann nicht nur Bilanzen lesen und je nach Interessenlage interpretieren, das ist selbstverständlich; auch die Informationen, die er an die Presse gibt, sind wohldosiert. Er hat sich selbst immer im Griff, und jede Situation analysiert er ohne Emotionen.

Ulrich Schwab ist der Prototyp eines Kulturmanagers. „Ich liebe Schwierigkeiten“, hat er einmal kämpferisch in einem Interview gesagt. Und tatsächlich: Überall, wo er tätig ist, macht er Schwierigkeiten. 1984 wurde er vom damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann fristlos entlassen. Schwab hatte versucht, als Generalmanager der Alten Oper Fassbinders umstrittenes Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ doch noch aufzuführen. Aber er hatte die Widerstände gegen dieses Werk unterschätzt. Er bekam eine nette Abfindung und ging für 200 000 Mark Jahresgehalt als Generalmanager zu Peter Zadek ans Hamburger Schauspielhaus.

Als dieser wegen Etat-Kürzungen 1989 Hamburg mit Getöse verließ, mochte auch Schwab nicht länger bleiben. Immerhin hatte er doch für Umsatzrekorde am Schauspielhaus gesorgt, etwa mit den „Evita“-Aufführungen – Schwabs Trend zum Entertainment. Er verlangte für seinen neuen Vertrag, der jetzt verhandelt werden mußte, einen sechswöchigen bezahlten Regie-Urlaub – ihn drängte es direkt auf die Bühne. Dieses Privileg wollte der Aufsichtsrat des Schauspielhauses aber nicht gewähren.

Und dann geschah das Wunder: Ulrich Schwab kehrte nach Frankfurt zurück und wurde Generalmanager an den Städtischen Bühnen. Hilmar Hoffmann, der ihn einst gefeuert hatte, kaufte ihn zurück, für 250 000 Mark im Jahr. Den sechswöchigen Regie-Urlaub, den Schwab in Hamburg gefordert hatte, billigte aber auch er dem Möchtegernregisseur nicht zu. Ganz wohl war dem Kulturdezernenten bei der Berufung des „exzellenten Fachmanns“ Schwab aber nicht: „Ich mußte über meinen Schatten springen. Das hätte ich doch nicht gemacht, wenn er nicht der einzige gewesen wäre, der diesen riesigen Laden in den Griff bekommen kann.“

Denn bereits zu diesem Zeitpunkt waren die Städtischen Bühnen mit ihren etwa tausend Beschäftigten in einem desolaten Zustand. Künstlerisch hatten sich die Sparten Oper, Schauspiel und Ballett zwar immer mehr verselbständigt. Deren Intendanten aber mußten sich die Verwaltung und Technik teilen. Das konnte nicht gutgehen, zumal im November 1987 das Opernhaus abbrannte und das Musiktheater fortan – mit stark reduziertem Umfang – im Schauspiel aufgeführt wurde. Die Folgen: Kompetenzgerangel, Streit um Probenräume und Animositäten, die dazu führten, daß die Intendanten zeitweise nicht mehr miteinander sprachen.

In dieser verfahrenen Situation installierte Hilmar Hoffmann ein neues Gremium, die „Generalintendanz“, zu der neben den Intendanten von Oper, Schauspiel und Ballett eben auch der Generalmanager gehörte. Er sollte die Geschäfte der Generalintendanz führen und gleichzeitig die Verwaltung, Technik, die Kostümabteilung und Maskenbildnerei leiten. Ulrich Schwab, der neue Generalmanager, und Hilmar Hoffmann versprachen sich von dieser Konstruktion eine „größere Verfügbarkeit über den Apparat der Städtischen Bühnen, mehr Transparenz und Effizienz“.

Weit gefehlt. Denn es gab eine Vereinbarung zwischen dem Kulturdezernenten und seinem Generalmanager: Da der Dirigent und Opernintendant Gary Bertini unfähig war zu organisieren und zu verwalten, er es aber auch – so Hilmar Hoffmann – „immer versäumt hatte, einen zweiten Mann an seine Seite zu stellen, habe ich darauf gedrungen, daß Ulrich Schwab das für die Oper mitmacht, daß er das Defizit dort abdeckt“. Und so wurde aus dem geplanten überparteilichen Vermittler zwischen den Sparten ein Lobbyist für die Oper. Als Generalmanager engagierte er sich für die Oper „auf Kosten des Balletts“, das hatte nicht nur Linda Reisch bemerkt.

Inzwischen regierte in Frankfurt ein rot-grüner Magistrat. Eigentlich wollte Hilmar Hoffmann unmittelbar nach der Wahl seinen Platz als Kulturdezernent räumen. Volker Hauff aber, der Oberbürgermeister, bat ihn, noch eine Weile weiterzumachen. Als 1989, ein Jahr nach dem Machtwechsel im Römer, Linda Reisch schließlich ihr Amt als Kulturdezernentin antrat, hatten sich die anderen Dezernenten des Magistrats längst in ihren Positionen eingegraben, hatten Machtstrukturen und Seilschaften aufgebaut und Morgenluft gewittert: Linda Reisch war nämlich bereits politisch angeschlagen, noch bevor sie ihren ersten Arbeitstag hinter sich hatte.

Da gab es den Vorwurf, kolportiert vor allem in der Springer-Presse, Linda Reisch habe für den Verfassungsschutz gearbeitet. Und im „Kulturforum der Sozialdemokratie“, das sie jahrelang geleitet hatte, herrschten angeblich chaotische finanzielle Verhältnisse. Manches Gerücht kam auch aus den eigenen SPD-Reihen. Vielen Frankfurter Genossen hatte es nicht gefallen, daß ihnen die fremde Linda Reisch vorgesetzt wurde. Klaus Sturmfels etwa, der kulturpolitische Sprecher der SPD, wäre nicht abgeneigt gewesen, die Nachfolge von Hilmar Hoff mann anzutreten.

Mit Hoffmanns Abgang hatte sich die Situation völlig geändert. Während seiner Ära gab es in Frankfurt eine Kulturpolitik, die von der CDU und der SPD gemeinsam getragen wurde. Immerhin war der Sozialdemokrat Hoffmann zwanzig Jahre lang Kulturdezernent in Frankfurt, auch unter der CDU. Er kannte alle Tricks der Kameralistik und bevorzugte die stille Diplomatie: „Wenn ich ein Museum bauen wollte und war mit Wallmann darüber einig, dann war das Ding gelaufen. Da mußte ich nicht tausend Leute sprechen.“

Auf diese Weise hat er nach und nach den Kulturetat von fünf Prozent des Gesamthaushaltes auf mehr als elf Prozent gesteigert. Keine andere Stadt in der Bundesrepublik gibt prozentual mehr Geld für die Kultur aus.

Linda Reisch nun hat nicht nur den eindrucksvollen Kulturetat geerbt, sondern zum Beispiel auch die vielen Museen mit ihren Folgekosten und die Probleme bei den Städtischen Bühnen. Denn noch unter Hoffmann gab es dort eine ganz neue Entwicklung. In diesem Frühjahr nämlich wurde Peter Eschberg als neuer Schauspiel-Intendant ab 1991 verpflichtet. Er hatte gerade in Bonn vorgemacht, wie man eine Spartentrennung im Theater organisatorisch erfolgreich durchzieht. Und deshalb ließ er sich eine Spartentrennung auch in Frankfurt vertraglich garantieren. Damit aber war die Hoffmannsche Idee der Generalintendanz, gerade erst realisiert, Makulatur. Jetzt begannen die Grabenkämpfe.

Denn der Zuschuß der Stadt für die Städtischen Bühnen wird 1991 trotz der Spartentrennung nicht weiter wachsen wie bisher. Es bleibt, erklärten die neue Kulturdezernentin und der Stadtkämmerer kategorisch, bei 105 Millionen Mark Subventionen, genausoviel wie in diesem Jahr. Lediglich vier neue Stellen wurden bewilligt. Und der Generalintendant Ulrich Schwab wurde zum Co-Intendanten der Oper. Jetzt konnte er ganz offen für „seine“ Sparte Partei ergreifen und die entsprechende Rechnung aufmachen:

Da der Opernetat 1990 gegenüber dem Vorjahr um 2,1 Millionen Mark gekürzt worden war, wähnte er sich in einer guten Ausgangsposition; zumal im selben Haushalt die „Etatansätze für das künstlerische Personal in Schauspiel und Ballett um 3,1 Millionen Mark erhöht wurden“. Diese geänderten Proportionen waren allerdings die Folge des Brandes vom November 1987. Seitdem gab es wesentlich weniger Opernaufführungen – und damit auch einen geringeren Etat. Schwab forderte dreißig zusätzliche Stellen und errechnete für 1991 einen „diskussionsfähigen Mehrbedarf“ für die Oper „von ‚nur‘ 2,4 Prozent des Gesamtzuschusses der Städtischen Bühnen“.

Dieses Zahlenspiel, das er dem Frankfurter Publikum in der Opern-Zeitung präsentierte, klingt imposant und exakt. Aber verstanden hat es bestimmt kein Leser: Stimmungsmache statt Transparenz. Schwabs Hauptargument für seine Forderungen: Am 6. April 1991 wird das neue Opernhaus eröffnet. Außerdem sei Gary Bertini bei Vertragsabschluß vom Magistrat verbindlich zugesagt worden, „durch zu erhöhende Etatansätze eine Angleichung an die künstlerischen Standards der Opernhäuser Berlin, Hamburg und München zu ermöglichen“.

Nachdem aber die Kulturdezernentin Reisch und der Stadtkämmerer Martin Grüber unnachgiebig blieben, zeigte sich Ulrich Schwab kompromißbereit. Auf einmal forderte er nur noch 27 neue Stellen, und wenig später 18 Stellen. Damit zeigte sich im nachhinein, daß die Zahlen bloß Verhandlungsmasse waren.

Als ihm aber auch jetzt das Kulturdezernat weder finanzielle noch personelle Zugeständnisse machte, gab er auf. Seine Begründung: Es sei ihm nicht möglich, „die künstlerische, organisatorische und kaufmännische Verantwortung für die Oper weiter mitzutragen“. Das läßt der kulturpolitische Sprecher der Grünen, Sebastian Popp, so nicht gelten: Insgesamt habe Schwab „etwas das Augenmaß verloren“. Ähnlich sieht das die Kulturdezernentin: „Aus sportlichen Pokergründen“ habe er die Situation falsch eingeschätzt. Außerdem: Künstlerisch verantwortlich für die Oper ist nicht Ulrich Schwab, sondern der Intendant Gary Bertini.

Der allerdings hatte sich öffentlich zu den Zahlenspielen nicht eindeutig geäußert. Auch seine persönliche Referentin Ursula Markow ist nicht zu sprechen. Ihre telephonische Stellungnahme: Der Opernbrand sei an allem Schuld. Mehr gebe es dazu nicht zu sagen. Punkt. Dieses Mauern ist unverständlich, weil sich der Unmut über den Zustand der Oper auf Bertini konzentriert. Sechs Monate im Jahr ist er in Frankfurt überhaupt nicht anwesend – das ist eigentlich unverantwortlich bei einer solchen Position. Vorwerfen allerdings kann man ihm diese „Extratouren“ nicht, sondern dem Magistrat und Hilmar Hoffmann: Im Januar wurde Gary Bertinis Vertrag mit diesen Privilegien bis 1996 verlängert, bei einem Jahresgehalt von 250 000 Mark.

Aber die Kritik an Bertini geht viel tiefer. Da wettert Gerhard Rohde unter der Überschrift „Schluß!“ in der FAZ: „Der Grund für alle Schwierigkeiten liegt in der Person des Opernintendanten Gary Bertini. Über die Qualität des Dirigenten Bertini mögen Fachleute unterschiedlicher Meinung sein. Einstimmigkeit herrscht jedoch in der Beurteilung des Intendanten Bertini: Er ist für den Beruf denkbar ungeeignet.“ Es sei geradezu skandalös, daß das künstlerische Angebot der Oper „gegen null“ tendiere. Auch habe er keine „qualifizierten Mitarbeiter“, die ihn während seiner Abwesenheit vertreten könnten. Letztlich sei Linda Reischs Vorgänger für die ganze Misere verantwortlich: „Hoffmann trägt ja an dem ganzen Theaterdebakel mit seiner leichtfertigen, instinktlosen Personalpolitik eine nicht geringe Schuld.“

Der jedoch begegnet diesen Attacken gelassen: „Die ganze Diskussion hört dann auf, wenn die Oper wiedereröffnet ist. Dann wird sich gleich auch der Erfolg wieder einstellen.“ Das aber ist zu bezweifeln. Denn kurz nach der Eröffnung startet die Oper eine vierwöchige Israel-Tournee – dem erwartungsvollen Frankfurter Publikum wird das, bei allem Verständnis für die deutsch-israelische Freundschaft, nur schwer zu vermitteln sein.

Es gibt nicht nur öffentliche, sondern auch interne Kritik: „Ich bekomme genügend Signale aus der Oper. An vielen Stellen ist man dankbar, daß die ganze Geschichte mal aufgerollt wird“, sagt Linda Reisch und beschreibt damit die Stimmung unter den Mitarbeitern. Schon im Januar war der Künstlerische Beirat der Oper zurückgetreten. Ein Dialog des Beirats mit Bertini, so erklärte es der Vorsitzende Carlos Krause damals, sei nicht mehr möglich, es gebe ein „permanentes Mißtrauen“.

Mitte November ging Linda Reisch, ohne Gary Bertini beim Namen zu nennen, auf Distanz. In einer Plenarsitzung sprach sie von „Etatauswüchsen“ und „Absurditäten“ und von einer notwendigen programmatischen Planung. „Es geht in diesen Tagen um den Bestand des Opernhauses. Die Oper braucht unsere sofortige Hilfe und langfristige Überlegungen zu einer anderen Leitungsstruktur.“ Das war ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Eine formale Gelegenheit zur Trennung hätte es für Bertini gegeben: Sein Vertrag mußte nämlich neu verhandelt werden, weil er der Strukturveränderung an den Städtischen Bühnen zustimmen mußte. Alles deutete darauf hin, daß Bertini die Konsequenzen ziehen und zurücktreten würde. Zumal es im Orchester kräftig rumorte: Die Musiker hatten auch künstlerische Vorbehalte gegenüber dem Dirigenten Bertini.

Der wiederum war nicht in Frankfurt, sondern gastdirigierte gerade in Japan. Da traf es sich gut, daß auch der Oberbürgermeister Hauff wegen Wirtschaftsverhandlungen dort war. Gary Bertini stimmte der Strukturveränderung und den daraus resultierenden Konsequenzen zu und unterschrieb den Vertrag. Und Ulrich Schwab, der die Umstrukturierung „auf Kosten der Oper“ ja nicht mittragen konnte oder wollte, verläßt das sinkende Schiff. Um sich nicht dem Vorwurf der Illoyalität auszusetzen, geht er jetzt nicht mehr an die Öffentlichkeit. Denn viel Geld steht auf dem Spiel: Er wird beurlaubt und bekommt – das muß eigentlich gar nicht erwähnt werden – eine üppige Abfindung. Die Juristen beider Seiten sind wohl schon längst am Rechnen.

Linda Reisch muß an den Städtischen Bühnen noch ganz andere Probleme bewältigen. Peter Eschberg nämlich, der designierte Schauspiel-Intendant, bereitet sich auf seine Arbeit in Frankfurt vor – und hat 29 Mitarbeitern des Schauspiels schon mal vorsorglich gekündigt. Juristisch sind diese Entlassungen möglich, künstlerisch hat sie der künftige Intendant zu verantworten. Den Schwarzen Peter aber hat die Kulturdezernentin. Sie nämlich bekam den Vertrag – ja, von wem?

Es ist kaum zu glauben: Keiner will es gewesen sein. Hilmar Hoffmann hatte sich geweigert, mit Eschberg zu verhandeln. Es ist kein Geheimnis, daß Hermann Beil sein Wunschkandidat war, Dramaturg bei Claus Peymann in Wien. Der kulturpolitische Sprecher der CDU, Hans-Jürgen Hellwig, spricht von einem „unglücklich zustande gekommenen Vertrag“, den der Stadtkämmerer Martin Grüber verhandelt habe. Hellwigs CDU-Kollegen wittern Klüngel und beschuldigen den Oberbürgermeister: Volker Hauff sei ein guter Freund von Eschberg, beide hätten auch schon Skat miteinander gespielt. Linda Reisch ihrerseits nimmt den Bürgermeister in Schutz. An keiner Stelle, „nicht mit einem Telephongespräch“, habe er sich eingemischt. „Hoffmann hat Eschberg geholt und den Vertrag unterschrieben. Eschberg ist in seiner Zeit berufen worden.“ Und damit schließt sich der Kreis. Niemand fühlt sich politisch verantwortlich.

Jede Menge kulturpolitische Probleme lauern auch außerhalb der Städtischen Bühnen. Die Kulturgesellschaft mbH – sie ist verantwortlich für die Kunsthalle Schirn, das TAT und den Mousonturm – hat in ihrem Wirtschaftsplan für 1991 einen Zuschuß der Stadt von 27,3 Millionen Mark eingeplant und zum größten Teil schon verplant. Dieser im Frühjahr erstellte Wirtschaftsplan wurde auch von Linda Reisch abgesegnet – allerdings mit dem Vorbehalt, daß der Stadtkämmerer dem Zuschuß zustimmt. Der Kämmerer wollte aber, als er den Gesamthaushalt der Stadt für 1991 vorbereitete, nur 23,3 Millionen billigen.

Die lapidare Folgerung von Christoph Vitali, dem Vorsitzenden der Kulturgesellschaft: Man müsse die Theater zeitweise schließen und eine Ausstellung in der Schirn absagen. Jetzt hat man sich geeinigt: Kulturdezernentin und Kämmerer sind der Kulturgesellschaft sehr entgegengekommen, Vitali hat geringen Kürzungen zugestimmt. „Kürzung“ nennen viele Kulturlobbyisten, was eigentlich doch ein geringeres Wachstum ist als geplant – die Kulturgesellschaft hatte 1990 „nur“ 22,6 Millionen Mark zur Verfügung.

An diesem Beispiel zeigt sich ein grundlegendes Problem der Kulturpolitik: Während die Museumsdirektoren und Intendanten zwei Jahre und länger im voraus planen müssen, sind die Politiker schon froh, wenn sie den kommenden Haushalt in den Griff bekommen. Wenn es dann politische Querelen oder gar personelle Veränderungen gibt, können Zusagen etwa der Kulturdezernentin, weil sie parlamentarisch noch nicht gebilligt sind, zurückgenommen werden.

Und mit heftigen Diskussionen ist in Frankfurt auch in Zukunft zu rechnen. Die Grünen, die in den Koalitionsvereinbarungen ihr multikulturelles Ressort durchgesetzt hatten und Linda Reisch ziemlich unbehelligt ließen, versuchen jetzt, kulturpolitisches Profil zu gewinnen. Sie distanzieren sich zunehmend von Hilmar Hoffmanns ressort- und parteiübergreifender stiller Diplomatie und fordern mehr Transparenz und Demokratie. Zum Beispiel bei der Diskussion um die geplante Akademie der Künste. Die Kulturdezernentin hat einen Gründungsbeirat berufen, den sie demnächst vorstellen wird. Anfang 1992 dann soll der Beirat einen Gründungspräsidenten vorschlagen. Aber auch der Oberbürgermeister wird bei der ganzen Diskussion ein gewichtiges Wort mitreden. Er hat sich für die Akademie stark gemacht, und es sieht so aus, als sei dies Thema inzwischen Chefsache.

Linda Reisch ist in einer undankbaren Position. Fast selbstverständlich ist der Kulturhaushalt zwanzig Jahre lang kontinuierlich gewachsen. Nun sind die Grenzen erreicht, und die Kulturdezernentin muß sie aufzeigen. Diese Erkenntnis tut vielen Kulturverantwortlichen weh. Allzusehr wurde auf die Macht des Geldes vertraut, als käme die Kultur dann von allein. Jetzt zeigen sich die Defizite: Über Inhalte wird viel zuwenig geredet.