Von Dieter Buhl

Der große Knüppel liegt bereit, jetzt wird gesprochen. George Bush hält sich an die Doppelstrategie seines rauhbeinigen Amtsvorgängers Teddy Roosevelt, für alles gewappnet zu sein und gleichzeitig die Sprechverbindung mit dem Gegner zu suchen. Seine Bereitschaft zum Dialog mit Bagdad kommt als Überraschung und bringt die amerikanischen Falken in Harnisch. Doch sie entspricht uralter Krisen-Logik. Weil der Präsident für den Krieg gerüstet ist, kann er es wagen, noch einmal um den Frieden zu ringen.

An der Schlagkraft der amerikanischen Truppen in der Golfregion gibt es längst keine Zweifel mehr. Vor vier Monaten zog ein schwaches US-Expeditionskorps eine Linie in den Wüstensand, um Saudi-Arabien vor einem irakischen Durchmarsch zu schützen. Heute sind die Streitkräfte stark genug für eine Offensive: bald 400 000 Mann, 1900 Flugzeuge, 2900 Panzer. Saddam Hussein muß von nun an auf der Hut sein.

Amerika geht auch politisch gestärkt in die neue Runde im Golfkonflikt. Mit der Resolution 678 hat der UN-Sicherheitsrat sein Plazet für Militäraktionen gegen die Besatzer in Kuwait gegeben. Die elf vorangegangenen Entschließungen der Weltorganisation haben das irakische Regime moralisch, politisch und ökonomisch in die Zange genommen. Jetzt zeigen die Vereinten Nationen die militärische Garotte vor. Saddam hat eine Gnadenfrist bis zum 15. Januar, um zu entscheiden, ob er einlenken oder kämpfen will.

Welchen Erfolg verspricht es in dieser Lage, die offizielle Kontaktsperre zwischen Washington und Bagdad aufzuheben? Die Absicht ist klar: Bush muß der Welt draußen und der eigenen Öffentlichkeit seinen unbeirrten Friedenswillen beweisen. Zwar hat er erfolgreich eine internationale Koalition gegen Saddam geschmiedet, aber zu Hause besitzt er noch keine geschlossene Gefolgschaft für einen möglichen Waffengang am Golf. Im Kongreß bezweifeln die oppositionellen Demokraten die Notwendigkeit eines Krieges. Viele Militärs warnen vor dem Kampf und mahnen zur Geduld. Und die Wähler fragen, ob Amerikas Söhne und Töchter wirklich ihr Leben für Kuwait einsetzen sollen. Der Präsident folgt also dem innenpolitischen Gebot, selbst die winzigste Möglichkeit einer friedlichen Lösung zu nutzen.

Gefragt ist nun geschickte Diplomatie. Präsident Bush muß dem irakischen Außenminister Asis klarmachen, was er vielen seiner Landsleute bisher nicht zu erklären vermochte: daß Amerika angetreten ist, Kuwait unter allen Umständen zu befreien, die vertriebene Regierung dort wiedereinzusetzen und dem irakischen Expansionismus einen Riegel vorzuschieben. Die Folgen einer militärischen Lösung für den Irak sollten Bagdads Abgesandten nach der Unterredung auf jeden Fall bewußter sein als vorher.

Noch mehr kommt es auf die Mission des amerikanischen Außenministers an. Tyrannen hassen die Wahrheit. Es ist nicht auszuschließen, daß auch Saddam von seinen Höflingen noch in Illusionen über seine Lage gewiegt wird. Deshalb muß ihm Baker die Augen öffnen – für die gigantische Kriegsmaschinerie, die ihm gegenübersteht, und für die amerikanische Entschlossenheit, sie notfalls einzusetzen. Dabei soll Saddam Hussein ruhig sein Gesicht wahren dürfen. Wenn er die amerikanischen Forderungen erfüllt, braucht er dabei nicht auch noch auf den Knien zu liegen.

Das Zwiegespräch birgt Risiken. Die Fühlungnahme zwischen den beiden Hauptantagonisten könnte die UN-Einheitsfront aufweichen; Pilgerzüge selbsternannter Vermittler aus allen Himmelsrichtungen nach Bagdad sind vorstellbar. Dennoch hat George Bush richtig entschieden. Er sollte jetzt auch imstande sein, die Belagerung des Saddam-Regimes aufrechtzuerhalten und gleichzeitig zu versuchen, den Diktator im direkten Gespräch zur Vernunft zu bringen, wenn nötig auch bei mehr als zwei Kontakten. Diese Doppelstrategie bietet die beste und vielleicht die letzte Chance, einen furchtbaren Krieg zu vermeiden.