Von Benjamin Henrichs

Sie lenken das Spiel, aber mitspielen dürfen sie nicht. Die Götter. Die Unsterblichen. Die Bedauernswerten. Welch ein eisiger, öder Wohnort muß ihr sogenannter Olymp sein, verglichen mit diesem Theater – das sich stolz und mit Recht das "Theater der Sonne" nennt.

Aber wahrscheinlich ist es auch besser, wenn sie nicht mitspielen. Allzu kläglich nämlich würden die Göttlichen aussehen neben den Sterblichen. Vater Zeus selbst, der ewige Donnerer und Schwängerer, würde er nicht bloß wie ein majestätischer Spießer wirken neben diesem König Agamemnon – der in seinem langen, schwarzen Königsrock, mit seinem goldglänzenden Stirnband, mit seinen langen, rabenschwarzen Haaren, mit seinen dramatisch schwarzbemalten Augen und Augenbrauen in einem kalkweißen Gesicht aussieht wie einer der schönsten Pharaonen? Oder wie der Herrscher eines mysteriösen, außerirdischen Geschlechts? Oder wie eine phantastische Kreuzung aus Mann, Frau und Raubtier?

Keine Göttin (schon gar nicht Hera, die eifersuchtstolle Matrone) könnte der Königin Klytaimestra standhalten, ihrem wahrhaft anmutigen Schrecken, ihrer beinahe lieblichen Grausamkeit. Und keine Göttin (schon gar nicht die geile Aphrodite) könnte das Herz des Zuschauers so greifen, ja zerreißen wie Iphigenie, das winzige Kind mit den riesigen, nachtschwarzen Augen und dem knöchellangen, schwarzen Zopf.

Und der ganze Götterhaufen wäre nicht mehr als eine müde Betriebsversammlung neben dem Chor der Frauen von Chalkis – der auf die Bühne stürmt, der tanzt und durch die Lüfte springt wie wohl noch kein Tragödienchor zuvor.

Die Götter müssen verrückt sein, verrückt vor Eifersucht. Oder so verblödet in ihrer Unsterblichkeit, daß ihnen nichts Besseres einfällt, als diese sterblichen Wunderwesen planvoll zu quälen und zu vernichten. Statt sich an ihnen unsterblich zu freuen.

Ariane Mnouchkine und das Théâtre du Soleil erzählen in der Cartoucherie von Vincennes die Geschichte der Atriden. Sie beginnen mit der "Iphigenie in Aulis" von Euripides und zeigen danach die drei Stücke der "Orestie" von Aischylos. Zwei Premieren sind vorbei, der halbe Weg ist gegangen. Und schon jetzt weiß man, daß Ariane Mnouchkine die Vernichtung der Atriden auch als ein Fest für die Atriden inszenieren wird. Daß ihr Theater des Todes auch ein Theater des Tanzes, des Lichts und der Musik ist. Ein wahres Paradox: die freudigste Tragödie aller Zeiten. Die Götter (Provinzintendanten alle) müssen bleich werden vor Neid.