Das Volk jubelte, als der Premier Andrej Lukanow vorige Woche seinen Hut nahm, die Zeitung Demokracija brachte die Freude der Bulgaren auf den Punkt: „Die letzte kommunistische Regierung ist gefallen“, titelte das regimekritische Blatt. Ein Jahr nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur steht das Balkanland jetzt vor der wirklichen Wende. Denn in der als sozialistische Reformpartei verkleideten BSP hatten die letzten hohen Repräsentanten der alten Nomenklatura gemütlich überwintert, nachdem ihre Partei die Mehrheit im Parlament gewonnen hatte.

Gemäß dem Prinzip „divide et impera!“ sollte auch die Union Demokratischer Kräfte (UDK) Mitverantwortung übernehmen. Doch das Bündnis von sechzehn oppositionellen Gruppen schlug alle Offerten aus. Die UDK wollte nicht mit der „roten Aristokratie“ gemeinsame Sache machen und helfen, gleichsam den Staatskarren aus dem stalinistischen Dreck ziehen.

Ein Generalstreik, an dem sich nach Angaben der unabhängigen Gewerkschaft Podkrepa fast eine Million Arbeiter beteiligten, warf die Regierung schließlich aus dem Sattel. Staatspräsident Schelju Schelew hat vorgezogene Neuwahlen im Mai angekündigt.

Bis zum Frühsommer soll ein Experten-Kabinett die Geschicke des Landes lenken. Über Nacht wird die Interimsregierung freilich nichts an der wirtschaftlichen Misere ändern können. Die Kommandowirtschaft ist nicht tot, die Marktwirtschaft noch nicht lebendig. Die Inflation galoppiert, die Arbeitslosigkeit nimmt zu, Schwarzhandel und Korruption blühen. Aus der krisengeplagten Sowjetunion bleiben Rohstofflieferungen aus, Benzin und Energie wird rationiert, Wasser kontingentiert. Die Versorgungslage ist angespannt – auch Bulgarien droht ein Hungerwinter. Aber das ausgemergelte Land wird sich wohl selber helfen müssen. ill