Von Christian Tenbrock

In den achtziger Jahren galt er als Kassandra der Wall Street, heute lobt man seine präzisen Prognosen: James Grant, Chef von „Grant’s Interest Rates Observer“, warnte schon 1984 vor den Schuldenexzessen in Amerikas Wirtschaft. Der 44 Jahre alte Grant verdammte die risikoreichen und hochverzinslichen Junk-bonds (Schrottanleihen) als Betrug und sagte frühzeitig die jetzigen Schwierigkeiten der amerikanischen Banken voraus. Auch heute bleibt er seinem Ruf treu: Die nächsten Opfer im amerikanischen Finanzdebakel, so seine Prognose, sind die Versicherungsunternehmen.

ZEIT: Manche Ökonomen sehen die Vereinigten Staaten auf einem Weg, der in einer Wirtschaftskrise ähnlich der Depression der dreißiger Jahre endet: Überschuldete Unternehmen gehen pleite und reißen geschwächte Banken mit sich. Am Ende steht der Kollaps des amerikanischen Finanzsektors. Ist dies nur ein Alptraum, oder kann es wirklich passieren?

Grant: Ich teile diese Sorgen. Während des vergangenen Jahrzehnts war es in den Vereinigten Staaten fast unmöglich, keinen Kredit zu bekommen. Was die achtziger Jahre so einmalig machte, war die geradezu unglaubliche Freiheit, sich Geld zu beschaffen. Um ein Unternehmen aufzukaufen, mußte praktisch kein eigenes Kapital zur Verfügung gestellt werden. Das brachte Schwung in die Wirtschaftstätigkeit und die Finanzmärkte – solange immer neue Kredite erhältlich waren. Seit Anfang 1989 aber müssen mehr und mehr Kreditnehmer zu ihrem Erstaunen feststellen, daß es an den Märkten immer weniger Geld gibt.

ZEIT: Die Vereinigten Staaten befinden sich also in einer Kreditklemme?

Grant: Im Bankensektor ist kaum noch Liquidität vorhanden. Wir sind damit in einer Periode, in der es schwierig wird, bei den Banken oder über Pfandbriefmärkte Kapital zu erhalten. Das ist eine sehr gesunde Entwicklung, weil die Bankiers damit zu konservativeren Verleihpraktiken zurückkehren.

ZEIT: Aber eine Austrocknung der Kreditmärkte kann auch negative Auswirkungen haben – gerade in Zeiten einer Rezession.