Von Dieter E. Zimmer

Das Privileg, reisen zu können, das er als offizieller Schriftsteller genossen habe – ob das wohl die Schuld daran trage, wenn er bei der Bevölkerung der DDR heute so unbeliebt sei?

Als Marcel Ophüls in seinem Dokumentarfilm „Novembertage“ dem Dichter Stephan Hermlin diese Frage stellt – und er stellt sie mit hinterhältiger Jovialität –, verliert dieser für einen pikierten Moment sichtbarlich die Fassung. Es sei, sagt er, als er sich gefangen hat, an der Frage alles, aber auch alles total falsch. Und obwohl er dann nur dementiert, selber jemals ein Staatsdichter gewesen zu sein, meint er natürlich auch das andere: daß Schriftsteller in der DDR Privilegien genossen hätten, daß Reisemöglichkeiten ein solches Privileg gewesen seien und daß die Bevölkerung es ihnen heute verübele.

Für viele Landsleute, Oh wie Weh, ist es heute tatsächlich eine ausgemachte Sache: Die Schriftsteller der DDR seien eine privilegierte Kaste gewesen, Offizianten der Herrschaft, die sich dafür erkenntlich gezeigt habe. Und da sich menschliches Denken vorzugsweise um schlichte Bilder von prototypischem Wert organisiert, sieht man es förmlich vor sich: wie das Aktiv der Dichter servil Partei und Staat andichtet und dafür Orden an den Revers und Geld und andere Bonbons in die Tasche gesteckt bekommt.

Der SED-Staat habe seine Dichter bezahlt: Worauf dieses öffentliche Gerücht zurückgeht, läßt sich sogar aufspüren. Es ist wahrscheinlich ein Artikel des Dortmunder Autors Wolfgang Körner in der Welt. Anfang März, in der Zeit, als die Enthüllungen über die untergehende DDR einander jagten und viel unglaublichere Dinge sich schließlich doch als wahr oder sogar noch untertrieben erwiesen, war dort unter dem Titel „Privilegien ade“ zu lesen, die Literaten der DDR seien „aller wirtschaftlichen Sorgen ledig“ gewesen: „Jedem Mitglied des Schriftstellerverbandes wurde ein Mindesteinkommen garantiert.“ Das öffentliche Gerücht machte daraus, was viele nur zu gerne glauben wollten: Der Schriftstellerverband der DDR habe seinen Mitgliedern Monatsgehälter gezahlt. So wurde und wird es geglaubt. Noch im September schickte Ministerpräsident de Maiziere einen Referenten in das Büro des Schriftstellerverbandes in der Berliner Friedrichstraße, der dort dreierlei eruieren sollte: Zahlt der Verband den Autoren immer noch Gehälter? Vergibt er immer noch Auftragswerke? Wie viele Erholungsheime nennt er noch sein eigen?

„Ich kann es langsam nicht mehr hören und würde am liebsten kein Wort mehr darüber verlieren“, sagt Dirk v. Kügelgen, der Sekretär des Verbandes, dem die undankbare Aufgabe obliegt, diesen bis zum Jahresende zu liquidieren. Denn jene Verdächtigungen sind tatsächlich falsch. Wahr ist: Der Schriftstellerverband hat den Autoren niemals Gehälter gezahlt. Er hat ihnen nie irgendein Einkommen garantiert. Er hat nie Auftragswerke vergeben. Selber besessen hat er ein Erholungsheim nie, und von den dreien, die ihm der Staat in seinen Hochzeiten zur Verfügung gestellt hatte, betreibt er seit Monaten auch sein letztes nicht mehr.

Aber mit diesem Dementi ist das Kapitel noch nicht abzuschließen.