Von Klaus-Peter Schmid

Der Pressetermin im Konferenzsaal des Bonner Wirtschaftsministeriums glich einer Betriebsversammlung. Die Journalisten sahen sich umringt von wehmütig dreinblickenden Sekretärinnen und ungläubigen Mitarbeitern Helmut Haussmanns. Sie konnten es nicht fassen, daß ihr Chef das Haus verlassen wollte.

Am Montag, kurz nach zwölf, war es amtlich. Noch in der Wahlnacht, so Haussmann, habe er an Bundeskanzler Kohl und FDP-Chef Graf Lambsdorff geschrieben und seinen Rücktritt erklärt. Er habe "das Recht, selbst zu bestimmen, wie es weitergeht", erklärte der 48 Jahre alte FDP-Mann. Künftig wolle er unternehmerisch tätig sein und daneben sein Mandat als Volksvertreter wahrnehmen. Mehr verriet er nicht. Der Schwabe programmatisch: "Das Haus ist gut bestellt und bleibt in liberaler Hand."

In liberaler Hand ist das wegen seiner kompetenten und engagierten Beamten in allen politischen Lagern respektierte Ministerium in Bonn-Duisdorf ohne Unterbrechung seit genau achtzehn Jahren. Von Hans Friderichs über Otto Graf Lambsdorff und Martin Bangemann ging das Amt an Helmut Haussmann über: vier Politiker aus der Führungsriege der FDP, alle mit praktischer Erfahrung in der Wirtschaft, mit nimmermüden Bekenntnissen zur Marktwirtschaft, mit hohen Ansprüchen an die Ordnungspolitik. Erfolgreich waren sie nur mit Maßen. Wenn die Liberalen heute so tun, als seien an ihrer ökonomischen Kompetenz keine Zweifel erlaubt und das Wirtschaftsministerium deshalb ihr Erbhof, so sind einige Fragezeichen anzubringen.

Die Geburtsstunde der liberalen Tradition war mit einem entscheidenden Schönheitsfehler behaftet. Helmut Schmidt, bis dahin Superminister für Wirtschaft und Finanzen, nahm im Dezember 1972 den gesamten Bereich Geld und Kredit mit in das neue, selbständige Finanzministerium. Der neue Wirtschaftschef Hans Friderichs, zuvor Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen und FDP-Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Kabinett von Helmut Kohl, mußte also die Kompetenz für Konjunktur und Währung dem Finanzminister Schmidt überlassen. Als der im Mai 1974 Kanzler wurde, änderte sich nichts an dieser Kompetenzverteilung.

Fast fünf Jahre lang versuchte Friderichs, deutsche Wirtschaftspolitik zu gestalten. Manchen in der FDP war er zu marktwirtschaftlich, anderen mißfiel sein einseitiges Engagement für die Kernenergie. In seinen Grundsätzen stand er der CDU sicher näher als dem sozialdemokratischen Koalitionspartner und blieb dabei vor allem eines: ein prinzipientreuer Technokrat, der Enthaltsamkeit für eine liberale Tugend hielt und entsprechend wenig politische Phantasie entwickelte.

Das Beispiel Friderichs demonstrierte augenfällig ein grundsätzliches Dilemma liberaler Wirtschaftspolitik: Er kündigte eine gezielte Strukturpolitik an, blieb jedoch in Ansätzen stecken. Das war nur logisch. Liberale Überzeugung verbietet schließlich Interventionen, die den Markt nachhaltig korrigieren oder gar auf so etwas wie einem kohärenten Plan basieren. Und der erwünschte Abbau wettbewerbsverfälschender Erhaltungssubventionen scheiterte schon damals am Widerstand der Betroffenen. Wenn dann noch (wie Mitte der siebziger Jahre) die Konjunktur lahmt und die Arbeitslosigkeit hochschnellt, ist das Renommee eines an sich prinzipientreuen Wirtschaftsministers schnell beschädigt.