Zum Warschauer Vertrag: Wie ein Schlüsseldokument verschwand und wiederauftauchte

Von Hansjakob Stehle

Noch rauher als sonst klang die Stimme Willy Brandts, des Bundeskanzlers, als er am Morgen des 7. Dezember 1970 im Schloß Wilanów bei Warschau vor die Fernsehkameras trat und eine Rede aufzeichnen ließ, mit der er am Abend bei den Deutschen um Verständnis für Unabänderliches werben wollte. Hinter dem Kanzler hing ein Bild aus dem Nachlaß der polnischen Könige: Alexander der Große, der dem besiegten Perserkönig mit Großmut begegnet.

Doch die Geschichte, die hier zu bewältigen war, ersparte der Gegenwart nichts. Auch nicht, wie Brandt sagte, „von dem auszugehen, was geworden ist, auch in bezug auf die Westgrenze Polens“ an Oder und Neiße. In dem Vertrag, den an diesem Tag der Bonner Kanzler und der polnische Regierungschef Jozef Cyrankiewicz unterzeichneten, wurde der Anfang des Schlußstrichs gemacht, der erst zwanzig Jahre später vom vereinten Deutschland mit dem befreiten Polen zu Ende gezogen wurde. Obwohl schon damals niemand mehr ernstlich bezweifeln konnte, daß dieser „Warschauer Vertrag“ nichts preisgab, „was nicht längst verspielt worden wäre ... von einem verbrecherischen Regime“, wie Brandt sagte.

Also nur Realpolitik? Zur Würde verhalf ihr erst die Moral, die – zum Verdruß mancher Zyniker – an diesem Tag auch eine politische Kraft war. Brandt sprach vom Unrecht, das beiden Völkern angetan worden war; er rief den schlesischen Dichter Gryphius und den ostpreußischen Philosophen Kant zu Zeugen dafür an, daß „Ressentiments den Respekt vor der Trauer um das Verlorene verletzen“ und daß unerfüllbare Ansprüche und Vorbehalte den Frieden gefährden.

Und dann am Vormittag – noch bevor er im Namiestnikowski-Palais seine Unterschrift unter den Vertrag setzte – überwältigte den Kanzler an diesem Tag der Ansturm der Gefühle: Plötzlich sank er in die Knie – vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos und nicht (wie es manchen Polen „logischer“ erschienen wäre) vor dem Grabmal des Unbekannten Soldaten, wo die protokollarische Kranzniederlegung von den Klängen des Deutschlandliedes begleitet war.

Die Geste war eben nicht vorbedacht – wer dabei war, spürte es. Sie wurde damals freilich von immerhin 48 Prozent der Deutschen als „übertrieben“ empfunden (laut Spiegel-Umfrage). Brandts Kniefall habe Verwunderung erregt, so schrieb in einem Privatbrief Rolf Lahr, der deutsche Botschafter in Rom, denn „Machiavelli ist nicht sentimental“. Ein sonst sehr skeptisch-kühler polnischer Diplomat erlaubte sich die erregte Frage: „Ob die Bundesrepublik einen solchen Kanzler schon verdient?“