Der holländische Chansonsänger hat eine eigenwillige Philosophie

Von Martin Ahrends

An’ jedem Samstag ist Alfred im Fernsehen. Alfred Jodokus Kwak, eine Zeichentrickserie, die sich der Holländer Herman van Veen ausgedacht hat, läuft in 26 Folgen im ZDF und anderen europäischen Kanälen. Das ist so gut gemacht wie bei Walt Disney – und ist das Gegenteil von Tom und Jerry, die ständig miteinander Krieg führen, den alltäglichen Krieg, den Kampf ums Dasein. Doch das Gegenteil des rabiaten Catch as-catch-can ist bei van Veen keine seichte Kindertümelei: Das Nest, in dem Alfred zur Welt kam, wird von einem Bagger abgeräumt; Alfreds Enten-Eltern und -Geschwister enden unter den breiten Reifen eines Baufahrzeuges.

Was ist das? Eine Jammer-Serie, eine deprimierende Show? Aber nein, Alfred ist ein besonders fröhliches Entlein. Warum auch nicht, er ist ja noch lebendig. Wo seine Wiese war, entsteht ein Vergnügungspark, dort werden Maschinen aufgebaut, um einer dickhäutigen Spezies Mensch ein müdes Lächeln abzuringen. Alfred kennt andere Vergnügungen: Er geht mit seinen Freunden einfach auf Weltverbesserungs-Abenteuer aus. Herman van Veens Vergnügungen sind denen seiner Ente Alfred ähnlich und waren es von jeher. "Die meisten Probleme kommen daher, daß wir uns nicht am bloßen Dasein freuen können." Er ist ein Weltverbesserer der harmlosen Art: "Überall ist es das Happy-End einer Utopie, die Menschen lächeln zu lassen"; schon in der Schule ist er der Clown und genießt es. Oder es verdrießt ihn, immer "draußen" zu sein und "daneben". Die Schule langweilt ihn unsäglich, abstrakte Lehren erscheinen ihm wie "leere Fässer". Auch bei seinem Musikstudium hat er immer den Drang, "nach draußen zu gehen", auf die Straße. Er folgt dem Drang und macht seinen Weg – mit seinen Musik-Clownerien durch die großen Städte der ganzen Welt.

Mit 23 Jahren gründet er in Utrecht 1968 eine multimediale Factory für sein Musik-Theater, "Harlekin" heißt sie und ist seither Produktions- und Ausbildungsstätte für freie Gruppen. Sechzig Langspielplatten in vier Sprachen dokumentieren die musikalischen Arbeiten des heute 45jährigen van Veen; er hat Theaterstücke, Filmmusiken und Kinderbücher verfaßt. Er hat die Entwicklungshilfe-Organisation "Columbine" gegründet und – auch für seine humanitäre Arbeit – mehrere Preise bekommen. Ein Weltverbesserer der harmlosen Art: Was er will, das sind ein paar weniger von diesen verpaßten Momenten, "wo man sich trifft, um sich zu verabreden". Was er will, das ist etwas weniger Angst, denn Angst kreiere die Welt, in der wir leben. "Die ganze Politik lebt davon, und man braucht die Angst, um etwas Unbrauchbares verkaufen zu können."

Wir Verbraucher. Wir verbrauchten Verbraucher. Nichts will mehr so recht zünden von den wirklich bemühten Einfällen der kosmetischen, der Spirituosen- und der Reiseindustrie, der unterhaltungselektronischen und der Automobilbranche. Das ist wohl der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, ob man sein Leben nicht auch selbst erfinden könnte. Anstatt es erfinden zu lassen von hochbezahlten Leuten. Oder sich abkaufen zu lassen, um es sich leisten zu können.

Entrinnen in die Welt