Von Peter M. Schmidhuber

BRÜSSEL. – Der dramatische Appell des Leningrader Oberbürgermeisters Sobtschak an die westlichen Länder, eine drohende Hungersnot in der zweitgrößten Stadt der Sowjetunion abwenden zu helfen, zeigt die Brisanz der Ernährungslage unseres großen östlichen Nachbarn. Nahrungsmittelhilfe für ein Land mit 290 Millionen Einwohnern zu leisten ist jedoch ein gigantisches Unterfangen. Es überfordert selbst die EG mit ihren Lagerbeständen.

Die Hilfe der EG macht bloß Sinn, wenn sie gezielt erfolgt. Eine noch so gut gemeinte, rein an der Menge orientierte „Tonnen-Ideologie“ würde die Hilfe rasch versanden lassen. Die Frage muß vielmehr lauten: Welche Güter werden wo besonders dringend gebraucht?

Bisher hat die Sowjetunion weniger Weizen am Weltmarkt geordert als in den vergangenen Jahren, da die Ernte überdurchschnittlich gut ausfiel. Stärker fehlen andere Güter wie Fleisch, Milch oder Kartoffeln. Die Versorgung der Verbraucher in der Sowjetunion ist außerdem je nach Region sehr unterschiedlich. Beispielsweise verbraucht der Konsument in Estland zehnmal soviel Fleisch wie der Kolchosbauer in Usbekistan.

Aus logistischen Gründen müßte sich eine EG-Hilfe wohl zuerst auf den europäischen Teil der Sowjetunion konzentrieren. Ein besseres Verteilernetz, besonders in den großen Städten, ist ausschlaggebend für eine wirksame Hilfe. Die Verluste auf dem Weg vom Produzenten zum Verbraucher sind in der Sowjetunion enorm. 1989 sind in der UdSSR 29 Millionen Getreide „verlorengegangen“, das ist dreimal soviel, wie in den EG-Getreidelagern liegt. Gleichermaßen verschwand oder verdarb eine Million Tonnen Fleisch, etwa zehn Prozent der Gesamtproduktion. Von hohen Verlusten durch Korruption und Verschieben der Nahrungsmittel ins Ausland ist die Rede.

Schreckensmeldungen kommen nicht nur aus der Sowjetunion. Beim KSZE-Gipfel in Paris haben auch andere osteuropäische Länder auf ihre Nöte aufmerksam gemacht. Die EG-Kommission hat seit dem Jahreswechsel 1989/90 erste Erfahrungen mit Nahrungsmittelhilfe an osteuropäische Länder gesammelt. Lieferungen an Polen und Rumänien wurden teilweise aus Interventionsbeständen des landwirtschaftlichen Garantiefonds der EG bestritten. Die Erfahrungen zeigen, daß die Behörden der Empfängerländer konstruktiv mit den Gemeinschaftsdienststellen zusammenarbeiten. Kontrollen vor Ort werden von den betreffenden Ländern nach Kräften unterstützt. Engpässe scheint es jedoch immer wieder bei der Entladung von eingetroffenen Gütern zu geben, besonders bei Getreide. Demgegenüber hat beispielsweise die Lieferung und Verteilung von Fleisch und Butter für die Rumänen relativ gut funktioniert.

Die bisher für den EG-Haushalt 1991 veranschlagte Nahrungsmittelhilfe von 500 Millionen Ecu (rund eine Milliarde Mark) ist weitgehend für Entwicklungsländer außerhalb Europas bestimmt. Äthiopien und der Sudan bitten in trauriger Regelmäßigkeit um dringende Hilfe. Daher verlangt eine Aktion zur Abwendung einer drohenden Hungersnot während des russischen Winters zusätzliche Mittel.