Von Rainer Schauer

In dem Buch aus Eisen mit den Seiten aus Bronze blättern irgendwann einmal alle Gäste in Heiligenblut. Das Buch liegt auf einem Steinsockel in einer Ecke des Friedhofs der gotischen Kirche von St. Vinzenz. Über dem Buch steht ein von Geranien gesäumtes Kreuz, das wie ein Fadenkreuz ein fernes Ziel ins Visier nimmt. Das ist kein Zufall. Der Blick durch das Kreuz und über das Kreuz hinweg zielt auf einen schneebedeckten Berg, der einmalig schön ist, gefährlich aber auch – den fast 4000 Meter hohen Großglockner. Die Menschen, deren Namen, in Erz gehämmert, in dem Buch aus Eisen verewigt sind, waren seine Opfer.

Männer, die wie Ludwig Ganghofer schreiben oder wie Luis Trenker reden, die Bergriesen dämonisieren oder heiligsprechen, würden sagen, der Großglockner ist der Schicksalsberg von Heiligenblut. Er ist es wirklich. Seit seiner Erstbesteigung am 28. Juli 1800 riß der Zug der Bergkameraden nicht mehr ab, die mit Seil und Haken über die Gletscherfelder der Pasterze stapften, dann die Eis- und Felsflanken des Großglockners in Angriff nahmen und manchmal nicht mehr wiederkamen.

Für das Bergbauerndorf Heiligenblut waren die Gipfelstürmer die Pioniertouristen, die Verpflegung und ein Dach über dem Kopf brauchten. Sie begründeten die lange Tradition Heiligenbluts als Fremdenverkehrsort im Tal der Moll. "Der Großglockner wurde", sagt Anton Draxl, Geschäftsführer der Nationalparkkommission Hohe Tauern, "zum Segen für das Obere Mölltal, Anziehungspunkt für Bergsteiger und Touristen – noch lange vor dem Bau der Großglockner-Hochalpenstraße", die zwischen 1930 und 1935 als Beschäftigungsprogramm gegen die Arbeitslosigkeit in den Fels geschlagen wurde.

Heute ist die Großglockner-Hochalpenstraße im Sommer ein Fluch für Heiligenblut, denn an den Touristen und den Autoabgasen droht der Ort zu ersticken. Knapp 400 000 Busse und Personenwagen sowie fast zwei Millionen Menschen passieren jedes Jahr das 1300 Meter hoch gelegene Dorf. "Semmeltouristen" nennen die Einheimischen die Fremden, die auf dem Dorfplatz ihre Pausenbrote und Thermosflaschen auspacken und nur den Müll den Heiligenblutern hinterlassen. In ein paar Jahren soll das Dorf verkehrsfrei sein, entlastet durch eine Umgehungsstraße und einen Tunnel. "Wer aber", meint Helga Fleißner, Hoteliersfrau und Mitglied des Fremdenverkehrsausschusses von Heiligenblut, "soll das finanzieren?" Die Gemeinden im Tal allein werden es nicht können.

Jetzt, im Winter, hat das Bergdorf endlich seine Ruh’. Die Großglocknerstraße ist gesperrt, und plötzlich liegt Heiligenblut am Ende der Welt, ein verträumtes Dorf, das sich seinen alten Ortskern rund um die gotische Kirche mit dem berühmten Flügelaltar von Michael Pacher bewahrt, etliche wettergegerbte Holzhäuser nicht dem Fortschritt geopfert und die Zersiedlung in Grenzen gehalten hat. Der Fremde erlebt ein Wintermärchen, dessen Schattenseiten er nicht sieht. Die Kärntner Landesregierung stellt in einem Bericht eine "extrem hohe Winterarbeitslosigkeit im Oberen Mölltal fest". Sie wäre noch höher, wenn Heiligenblut nicht Wintersportort wäre und für die Bergbauern Arbeitsplätze an den Liften, in den Skischulen und in der Gastronomie geschaffen hätte.

In der "Fleißkuchl", die dort liegt, wo die Abfahrt von der fast 3000 Meter hohen Fleißalm endet, schenkt der Hüttenwirt Sepp, der auch Bergführer und Skilehrer ist, heißen Schnaps aus. Diese Spezialität trinken die Skifahrer viel und gerne, nachmittags, wenn die Berggipfel von der tiefstehenden Sonne schon rot angehaucht sind und die Tunnelbahn bald ihre letzte Fahrt zur Mittelstation Roßbach an der Schareckabfahrt ankündigen wird. Das ist die Zeit, zu der die Kälte ins Tal kommt, der Schnee bläulich zu schimmern beginnt und die Lärchen immer längere Schatten werfen. Dann geht’s hoch her in der ehemaligen Almhütte, die so klischeehaft gemütlich am Fuße der baumlosen, weiten Skihänge steht. Die achtzigjährige Tante von Sepp kocht auf offenem Feuer in Riesenpfannen Kaiserschmarrn, und der Hund Kathi, eine zottige Mischung aus Münsterländer und Bernhardiner, schläft unter der Ofenbank. In der "Fleißkuchl" läßt’s sich gut hocken und erzählen von den Madin aus Deutschland und den Buam aus Österreich. "Erinnerst di no an die Simone aus Dortmund?" Ja freili, dös war doch ..."