Von Heinz-Günter Kemmer

Shell-Chef Hans-Georg Pohl und sein Vorstandskollege Jürgen Durry waren sich nicht ganz einig. „Ich glaube nicht, daß mittelfristig eine wirklich fundamentale Beeinträchtigung der Förderkapazitäten Saudi-Arabiens möglich ist“, meint Pohl. Durry hingegen schließt die Zerstörung der Verladeeinrichtungen im saudischen Ölhafen Ras Tanura nicht aus und hält für diesen Fall einen Anstieg des Ölpreises auf bis zu sechzig Dollar je Faß für durchaus möglich.

Hintergrund dieser unterschiedlichen Einschätzung ist die Drohung des irakischen Despoten Saddam Hussein, die Förderung im Nahen Osten durch Gewaltakte zum Erliegen zu bringen oder doch wenigstens drastisch einzuschränken. Aber das wird ihm, so meinen Experten, kaum gelingen. Sie erinnern daran, daß es der Irak im Krieg gegen den Iran nicht fertiggebracht hat, die persische Ölförderung zu unterbrechen. Und daß trotz pausenloser Angriffe auf die iranische Verladeinsel Kharg, die von der irakischen Provinzmetropole Basra knapp 300 Kilometer entfernt im Golf liegt, Tanker auf Tanker abgefertigt wurde.

Auch der kuwaitische Ölminister Raschid Salem Al-Omani glaubt nicht daran, daß die Iraker bei einem Rückzug aus seiner Heimat verbrannte Erde hinterlassen könnten. Fünfzig Prozent des Öls werde schon drei Wochen nach der Rückgabe Kuwaits wieder fließen, die volle Produktion könne allerdings erst nach einem Jahr wieder erreicht werden. Und das in einem Land, in dem die Iraker derzeit freien Zutritt zu allen Anlagen haben und völlig unbedrängt Vorbereitungen für deren Zerstörung treffen können.

Der weitverbreiteten Annahme, daß es möglich sei, die Bohrlöcher einfach zu öffnen, das Öl ausströmen zu lassen und auf dem so entstehenden See einen Flächenbrand zu entfachen, widersprechen Fachleute ganz vehement. Und als irreal bezeichnen sie die Vorstellung, daß sich ein Ölvorkommen in der Erde entzünden lasse. Abgesehen davon, daß das Öl bei vielen Bohrungen unter Druck steht und eine in das Bohrloch geworfene Handgranate ganz schnell herausschleudern würde – es fehlt unter der Erde einfach an Sauerstoff, ohne den die Verbrennung nicht möglich ist.

Anders als in Kuwait müßten die Iraker in Saudi-Arabien streng bewachte Ölfelder attackieren – ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Zwar kann man kaum jedes einzelne der oft mehr als hundert Bohrlöcher auf einem Feld überwachen – das größte, Ghawar, ist immerhin 240 Kilometer lang und bis zu 30 Kilometer breit –, aber Horchposten würden motorisierte Angreifer schnell orten. Fußtrupps haben wenig Chancen, die über den Bohrlöchern thronenden Armaturen – von den Ölleuten wegen ihrer Form „Weihnachtsbäume“ genannt – zu zerstören. Die oft übermannshohen Eruptionskreuze, wie sie auf deutsch heißen, sind aus solidem Stahl gefertigt und mit Handgranaten kaum zu beschädigen. Im übrigen ist es nicht ganz einfach, die Bohrlöcher ohne Lageplan überhaupt zu finden, weil die Leitungen oft unterirdisch verlegt sind.

Wahrscheinlicher ist deshalb ein Angriff auf die Leitung, die die Ausbeute eines Bohrlochs zu einer Sammelstelle transportiert. Aber da, wo die Förderleistung den Weihnachtsbaum verläßt, wird die Fließgeschwindigkeit gemessen. Und wenn die sich verändert, schließt sich ein Ventil, und der Ölstrom wird gestoppt. Bei einem Feld, das nicht unter natürlichem Druck steht, fällt zusätzlich der Strom aus, der entweder die Förderpumpe oder den Kompressor betreibt.