Die Krise an den Finanzmärkten droht sich zu einer weltweiten Rezession auszuweiten

Von Udo Perina und Christian Tenbrock

Alexandre Lamfalussy gilt als ein Mann der leisen Töne. Zurückhaltung gehört für den Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) – der Bank der Zentralbanken also – zu seinen beruflichen Pflichten. Um so erstaunter reagierten Beobachter in aller Welt, als Lamfalussy jüngst ganz energisch die Alarmglocke läutete: Dramatische Veränderungen an den internationalen Finanzmärkten, so der Belgier mit dem ungarischen Namen, signalisierten die Gefahr einer globalen Krise. Das Geld werde knapp. Und das in einer Zeit, in der viele Unternehmen dringend frisches Geld benötigen, um das sich abzeichnende Konjunkturtief zu überleben. Als Folge prophezeien Experten bereits eine Pleitewelle ohnegleichen und ein Anschwellen der Massenarbeitslosigkeit. Selbst unter den sonst so optimistischen deutschen Banken sehen einige schwarz – auch für das eigene Land. Folgt auf den Zusammenbruch des Sozialismus nun eine Krise des Kapitalismus?

Am Rande des Bankrotts

In immer mehr Industrieländern häufen sich die Meldungen über Gewinneinbußen und Konjunkturschwäche. In den Vereinigten Staaten wird für das laufende Quartal ein Wirtschaftswachstum zwischen null und minus vier Prozent erwartet. Großbritannien erlebt ein Firmensterben in bisher nie gekanntem Ausmaß. Nach Ansicht von Kurt Viermetz, dem Vizechef der angesehenen New Yorker Bank J.P. Morgan, befinden sich alle angelsächsischen Länder, mithin auch Kanada und Australien, in oder vor einer Rezession. Über kurz oder lang werde sich der Abschwung rund um die Welt ausdehnen und auch die bisher stabilen Volkswirtschaften in Europa nicht verschonen.

Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, wären dringend neue und billigere Kredite erforderlich, damit Investitionen finanziert werden können. Doch gerade jetzt drosseln die Banken ihr Kreditgeschäft. Eine Untersuchung des New Yorker Investmenthauses Goldman Sachs fand heraus, daß mehr als fünfhundert der eintausend größten amerikanischen Firmen Schwierigkeiten haben, an neues Geld zu kommen. Rund die Hälfte von sechzig befragten Großbanken in den Vereinigten Staaten hat die Hürden für Darlehen an Unternehmen bereits erhöht. Und ein Viertel hat die Bedingungen verschärft, zu denen Baudarlehen an Privatpersonen vergeben werden.

Der Grund: Die Kreditinstitute sind selbst in Schwierigkeiten geraten. Ihre Gewinne sind im ersten Halbjahr erneut um über zwanzig Prozent gesunken, nachdem sie schon 1989 um mehr als ein Drittel zurückgegangen waren. Über eintausend der mehr als zwölftausend Banken stehen nach Angaben der Aufsichtsbehörde am Rande des Bankrotts – viermal mehr als vor der letzten Rezession in Amerika. Verschärft werden die Probleme noch durch die Golfkrise. Die gestiegenen Ölpreise verschlechtern die Zahlungsfähigkeit vieler Kreditnehmer, vor allem auch der Schuldner in der Dritten Welt. Im Vergleich zu Banken anderer Länder sind amerikanische Kreditinstitute davon besonders betroffen. „Niemals zuvor ging es den Banken so schlecht wie heute“, meint Robert Litan, Branchenexperte der Washingtoner Brookings-Institution, einer der großen unabhängigen Denk-Fabriken Amerikas.