Es ist unmöglich, von diesem Manne nicht überwältigt zu werden. „Seine Reaktion“ (auf einige ihm unbekannte Briefe Friedrich Eberts), schreibt der Autor, „ließ meine schon durch die Art der vorausgegangenen Unterhaltung erheblich reduzierten Vorbehalte restlos zusammenbrechen.“ Erst auf Seite 218 ringt sich Werner Maser zu diesem Geständnis durch. Der leidgeprüfte Leser allerdings mußte schon lange vorher erleben, daß der erste Biograph des Bundeskanzlers seinem Objekt verfallen ist, daß er Kohls Gedanken, Intentionen und gelegentlich auch dessen Sprache beinahe vorbehaltslos verinnerlicht hat.

Von „kritischem Blick“ und „distanzierter Sympathie“, die der Klappentext verspricht, ist in dem Buch jedenfalls nur wenig zu verspüren. Statt dessen liefert Maser, der „sich der für einen Historiker ungewöhnlichen Aufgabe gestellt“ hat, „dem Urteil der Geschichte vorzugreifen“, ein Beispiel für instant history aus Gefälligkeit: schnell zuzubereiten, leicht zu schlucken, ohne bitteren Beigeschmack, kurz – das Buch zur Wahl, die Kohl wohl eher trotz als wegen dieser Eloge so grandios gewonnen hat.

Der Zeitpunkt, zu dem sich der bis dahin vor allem als Bewältiger der NS-Zeit ausgewiesene Autor Kohls Lebensweg zuwandte, sagt alles. Im Dezember 1989 begann Maser mit seinen Recherchen. Das war Kanzler-Zeit, mit Kohl im Steigflug. Die von Maser gesammelten Erinnerungen der Mitschüler und Weggefährten der frühen Jahre fielen dementsprechend aus, denn sie waren im beginnenden Einheitsjahr längst von Ahnungen kommender Größe geprägt. „Die Klasse hörte auf ihn“, heißt es beispielsweise über Kohls Schulzeit, „und die Lehrer taten es auf bestimmte Weise auch.“ Ein ehemaliger sozialdemokratischer Oppositionsführer im Mainzer Landtag gibt gar – allerdings erst im Frühjahr 1990 – zu Protokoll, er sei schon 1976 überzeugt gewesen, Kohl werde Bundeskanzler. Immerhin liefert Maser auch verläßliche Informationen aus der Frühzeit. So ist die Erwähnung von Kohls 6 in Mathematik aufschlußreich, könnte sie doch seine Fehlkalkulationen bei den Einigungskosten erklären helfen.

Hat „Der deutsche Kanzler“ (Untertitel) ein solches Monument in Schnellbauweise nötig? War seine bisherige Karriere tatsächlich schon die vorhersehbare Trasse auf den Parnaß der Geschichte? Weil Maser die Erkenntnisse von heute in die Vergangenheit projiziert, um Kohls frühzeitige Bestimmung zum Superkanzler nachzuweisen, bleibt die Glaubwürdigkeit auf der Strecke. Alles, was er über Elternhaus, Jugend und politische Lehrzeit des Pfälzers zusammenträgt, bekommt so den Beigeschmack der Heldenverehrung. Selbst Kohls seit langem bekannte Qualitäten geraten auf diese Weise in Zweifel. Das geschieht beispielsweise, wenn der arme Lothar Späth nach vielen Jahren skeptischer Distanz zu Kohl jetzt aus dem März 1990 zitiert wird: „Er hat einen unglaublichen Instinkt für Entwicklungen.“

Zum Ärgernis führt auch der rote Faden, den Maser in des Kanzlers politischem Lebenslauf nachzuweisen versucht. „Seit jeher“, behauptet der Autor, habe sich Kohls „Denken und Handeln“ um die deutsche Frage gedreht. Die Einheit der Deutschen als stetes Ziel? Das ist nicht nur eine Verzeichnung des pfälzischen Realpolitikers, der sich sehr wohl an praktische Perspektiven hält. Einer Langzeitstrategie für die Vereinigung widersprechen auch Festlegungen wie die vom Sommer 1989, die Bundesregierung werde nicht zu einer Destabilisierung der DDR beitragen.

Weil er gar nicht die Zeit hatte, selber genügend Material zu sammeln, mußte sich Maser notgedrungen auf Zuträger verlassen. Wie sehr er dadurch zum Medium der Gedanken des Kanzlers und seines innersten Zirkels wurde, läßt sich aus vielen Zeilen ablesen. So meint man die Stimme der Herren aus Kohls Küchenkabinett zu hören, wenn Maser seinen Zorn über Helmut Schmidt ablädt oder Mitterrand schilt, der Präsident Bush gegenüber die Absicht bekundet habe, „jede Art von deutscher Einheit aktiv und engagiert hinauszuzögern“. Originalton Kohl scheint gar zu ertönen, wenn Maser „die Kritiker, Zweifler, Querulanten und Besserwisser“ brandmarkt, die sich vor der Niedersachsenwahl 86 „nörgelnd und lähmenden Pessimismus verbreitend zu Wort melden“.

Das Urteil am Schluß der Biographie entspricht ihrem gesamten Tenor. „Nur wenigen Menschen gönnt die Geschichte“, rühmt Maser, „zu ihren Lebzeiten den Platz zu sehen, den sie für sie reserviert hat. Helmut Kohl ist einer von ihnen.“ Gegen die überhastete Verklärung läßt sich frei nach dem Historiker Thomas Carlyle die Erkenntnis halten: Auch die Kanzler-Geschichte wird die Essenz unzähliger Biographien sein. Darauf können nicht nur die Leser, darauf darf vorerst auch Helmut Kohl hoffen. Dieter Buhl