Von Wolfgang Hoffmann

Auch wenn sich die neuen Bundestagsabgeordneten aus den ostdeutschen Landen gelegentlich noch mit Gesamtdeutschland schwertun – an ihrem neuen Status haben sie sich offenbar mit Leichtigkeit gewöhnt. Professor Günther Krause, im Bundestagswahlkreis 262 Wismar, Mecklenburg-Vorpommern, mit 45,2 Prozent für die CDU gewählt, bezeichnet seinen Beruf im amtlichen Kandidatenverzeichnis als "Bundesminister".

Daß Krause – gerade zwei Monate im Amt eines Ministers ohne Geschäftsbereich – seinen erlernten Beruf als Informatiker so rasch vergessen hat, um in die Rolle eines Ministers zu schlüpfen, weist auf das Selbstbewußtsein dieses cleveren Ost-Architekten der deutschen Einheit hin. Außerdem rechnet er wohl zu Recht damit, daß Helmut Kohl ihn erneut zum Minister in seinem Kabinett küren wird. Somit wird Krause bei seinem neuen Beruf bleiben – diesmal jedoch für das üppige Gehalt eines Ministers (250 000 Mark) auch mit einer konkreten Aufgabe.

Doch nicht nur Krause will von der gelernten Profession nichts mehr wissen. Auch andere Abgeordnete aus dem östlichen Teil der Republik firmieren vielfach als "MdB" oder gar als "Berufsparlamentarier", wie beispielsweise der Diplom-Germanist Ilja Seifert von der PDS.

Daß sich Bewerber um ein Bundestagsmandat mit dem Politikerberuf, sei es als MdB oder Minister, schmücken statt mit dem erlernten Beruf, ist eine Unsitte, die der Osten vom Westen übernommen hat. Klaus Töpfer zum Beispiel, Professor, kandidierte auch als "Bundesminister". So firmierte auch Ursula Lehr, die sich ihres Berufes als Alterswissenschaftlerin bestimmt nicht zu schämen braucht. Ministerin wird sie nach ihrer jüngsten und erstmaligen Wahl in den Bundestag nicht mehr sein: Im neuen Kabinett Helmut Kohls jedenfalls ist sie nicht mehr vertreten.

Die persönlichen Daten der 662 neuen Abgeordneten des 12. Bundestages – etwa die Hälfte sind Neulinge – liegen noch nicht vor; eine detaillierte Soziologie des Parlaments ist vorerst noch nicht möglich: Die genauen Lebensläufe der Parlamentarier sind frühestens im kommenden März zu erwarten. Dennoch reichen die vorhandenen Strukturdaten für eine erste Analyse der Zusammensetzung des Bundestages aus.

Das wichtigste Fazit: Der Trend zur Verbeamtung der politischen Arena in Bonn hält an. Nach Berechnungen von Emil-Peter Müller vom Institut der Deutschen Wirtschaft lag der Anteil des öffentlichen Dienstes (Beamte, Richter, Professoren, Lehrer, Pfarrer und Angestellte) im Bundestag der vergangenen Legislaturperiode – der elften – bei knapp 34 Prozent. Er wird jetzt auf 37 Prozent klettern.