Gaienhofen/Bodensee

Das Thema lag nahe, nimmt der Gegenstand des Interesses doch in unmittelbarer Nachbarschaft seinen Anfang: "Der Rhein – ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt" nannte die Arbeitsgruppe aus Lehrerinnen und Lehrern der Internatsschule Schloß Gaienhofen am Bodensee ihren Modellversuch. Klaus Dinkelaker, Englisch- und Geschichtslehrer, sagt über das pädagogische Motiv, das Klassenzimmer zu verlassen und mit seinen Schülern auf Reisen zu gehen: "Es kann nicht nur darum gehen, unser Wissen theoretisch weiterzugeben. Schüler sollten sich selbst in der Welt umschauen."

Mitarbeiter des Internats setzten sich zusammen und entwickelten ein Konzept: Sie kombinierten die Idee des "Lernens am dritten Ort" mit der Idee des fächerübergreifenden Unterrichts und dem didaktischen Modell des "gemeinsamen Lernens" von Schülern und Lehrern.

Auf einer einwöchigen Reise wurden aus theoretischen Überlegungen praktische Erfahrungen: Ein Dutzend Schülerinnen und Schüler der Klasse 11 und vier von sieben beteiligten Lehrern packten die Koffer, um dem Thema "Rhein" vom Bodensee bis Bonn mit ökologischen, kunstgeschichtlichen, politischen und literarischen Fragen vor Ort näherzukommen. Auf der Tagesordnung der auf dem Schienen- und Wasserweg bewältigten Lernreise standen das Sipplinger Wasserwerk am Bodensee, die Firma Sandoz in Basel, die Arbeit von Umweltschutzverbänden in den Rheinauen, das Straßburger Münster, das Duisburger Wasserwerk und zwischendrin immer wieder Auseinandersetzungen mit der politischen Geschichte.

Das war keine gesellige Klassenfahrt. Die Schülerinnen und Schüler waren Akteure und hatten das tägliche Lerngeschehen selbst mitzugestalten. Harte Arbeit in den Sommerferien war der Rheinfahrt vorangegangen, denn jeder der Beteiligten war als "Experte" gefragt. Die sechzehnjährige Julia war in die Rolle der Kunstgeschichtlerin im Straßburger Münster geschlüpft. "Ich hab’ mich gefreut, daß ich den anderen was erzählen konnte, was sie noch nicht kannten", sagt das redegewandte Mädchen.

Andere, denen die Naturwissenschaften näherlagen, widmeten sich auf der ganzen Fahrt der Analyse des Rheinwassers. Eigens angeschaffte Meßgeräte und für die Schüler bis dahin unbekannte Analysemethoden kamen zum Einsatz. Der Chemielehrer blieb als zurückhaltender Moderator im Hintergrund. Gabriel, sechzehn, über seine Ergebnisberichte: "Jedesmal, wenn sich die Wasserwerte wieder veränderten, haben alle in der Gruppe großes Interesse gezeigt." Nach den Anschauungsobjekten des Tages wurde am Abend diskutiert. "Ich dachte zuerst, das wird furchtbar spießig. Aber dann sind diese Diskussionen ganz von uns aus entstanden", erzählt Julia. Besonders die Umweltthemen der Reise scheinen nachhaltigen Lernerfolg gezeitigt zu haben.

Wissen zu erwerben, so wollte es das Konzept des Unterrichtsprojekts, sollte wieder Spaß machen. Anschaulichkeit und eigene Erfahrungen anstelle vorbereiteter Statistiken und dürrer Fakten lautete der didaktische Ansatz. Die durchweg positiven Berichte der beteiligten Schüler scheinen die Projektidee zu bestätigen. Steffi, sechzehn Jahre, resümiert: "Es ist eben was anderes, ob man einen Graureiher auf dem Dia im Unterricht oder in der Natur mit eigenen Augen sieht." Vieles hätten sie auch weit kritischer gesehen als sonst, wenn der Lehrer vorne steht und ihnen Themen vorsetzt und Diskussion erwartet, sagen die Jugendlichen.