Von Wilfried Kratz

Die Briten haben auf den Wechsel von Margaret Thatcher zu John Major so reagiert, wie es die Strategen der konservativen Partei gewünscht und wohl auch erwartet hatten. Sie geben, glaubt man den Meinungsumfragen, der Partei unter der neuen Führung wieder den Vorzug vor der Labour Party. Die Konservativen können dazu noch einen Bonus einheimsen. Nach Beilegung ihrer schweren Personalkrise wird in Teilen der Presse nun sogar die Frage aufgeworfen, ob denn Neil Kinnock noch der richtige Mann ist, die Labour Party gegen Major ins Feld zu führen. Nach einer Umfrage hätte die Partei unter John Smith, dem Finanzminister im Schattenkabinett der Sozialisten, die besseren Chancen. Während also allmählich wieder Ruhe bei den Konservativen einkehrt, beginnt eine Führungsdebatte über die Labour Party und verunsichert die Oppositionspartei in einem Moment, da sie Geschlossenheit und Zuversicht braucht, um das zumindest einstweilige Stimmungshoch für Major zu dämpfen.

Das Glück des neuen Premierministers und seiner rasch gebildeten Regierung dürfte jedoch kaum von langer Dauer sein. Denn mit dem Wechsel nach Downing Street 10 sind die alten Probleme nicht gelöst. Das Land treibt in eine Rezession bei hoher Inflation. Die künftige Haltung gegenüber der Integration in der Europäischen Gemeinschaft, speziell gegenüber dem Weg zu einer Wirtschafts- und Währungsunion, spaltet die Partei und verlangt einen Balanceakt, bei dem staatsmännisches und parteipolitisches Geschick gefordert sind. Die sogenannte Kopfsteuer zur Finanzierung eines Teils der Gemeindehaushalte ist eher noch unpopulärer geworden. Eine radikale Änderung ist versprochen, käme aber dem späten Eingeständnis eines schweren Fehlers gleich. Die Negativposten in der Thatcher-Bilanz, die schließlich zu der Regierungskrise und dem Sturz von Frau Thatcher führten, lassen sich nicht so leicht und so schnell beseitigen.

Die Konservativen haben stets Stärke aus dem Anspruch gezogen, sie könnten besser als die Labour Party die Wirtschaft auf einen stetigen Wachstumspfad bei geringer Inflation führen. Für ein paar Jahre im vergangenen Jahrzehnt ist ihnen das auch gelungen. Aber vor zweieinhalb Jahren brach der Glaube an die immerwährende Prosperität zusammen. Die Exzesse bei Kredit und Konsum legten die strukturellen Schwächen der britischen Wirtschaft bloß und erzwangen Gegenmaßnahmen. Mit einer Verdoppelung der Leitzinsen von siebeneinhalb auf fünfzehn Prozent sollten die Konjunktur gedrosselt und die inflationäre Überhitzung abgekühlt werden. Es wurde ein langes Manöver, in dessen Verlauf sich immer mehr Wähler von den Konservativen abwandten. Die Regierung erkannte schließlich, daß der Intensität ihrer Restriktionspolitik politische Grenzen gezogen sind. Aber auch die Senkung der Zinsen um ein Prozent im Oktober, die einen Anflug von Panik verriet, konnte den Verfall der Partei nicht aufhalten.

Die Bremspolitik hat ihre Spuren hinterlassen. Seit dem Frühjahr steigt die Arbeitslosigkeit. Im Sommer kam die industrielle Produktion zu einem Halt. Im Herbst schrumpfte das Sozialprodukt sogar. Die Produktivität steigt nicht mehr. Löhne und Gehälter nehmen aber noch mit einer Rate von etwa zehn Prozent zu, und die Lohnstückkosten der Industrie wachsen fast im gleichen Ausmaß. Die Handelsbilanz verzeichnet hartnäckig ein hohes Defizit. Die Inflationsrate hat immer noch steigende Tendenz und liegt nun bei elf Prozent, ungefähr so hoch wie zu Beginn der "Thatcher-Revolution" und weit über den Teuerungsraten von Großbritanniens wichtigen Konkurrenzländern.

Die schlechten Nachrichten reißen unterdes nicht ab. Unternehmen verringern ihre Lager und kürzen Investitionspläne, um ihre angespannten Bilanzen zu schonen. Banken verkünden unheilvoll, sie müßten mehr Kredite abschreiben, weil sie der Zahlungsfähigkeit ihrer Schuldner nicht mehr trauen könnten. Der Industrieverband glaubt auf Grund einer pessimistischen Umfrage, daß das Sozialprodukt 1991 um ein Prozent schrumpfen wird. Der Ausstoß der verarbeitenden Industrie werde um über zwei Prozent sinken, Investitionen um über fünf Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen werde von jetzt 1,7 Millionen auf mehr als 2 Millionen in einem Jahr steigen. Für das Magazin Economist ist die gedrückte Stimmung "fast fühlbar".

Die Zeichen deuten auf eine Rezession hin, die ähnlich tief werden kann wie zu Anfang der achtziger Jahre, als das Sozialprodukt 1980 und 1981 um zwei und dann um ein Prozent fiel und die Arbeitslosigkeit anschließend auf über drei Millionen stieg. Damals hieß es, man müsse die unvermeidlichen Kosten einer seit langem überfälligen Sanierung der Wirtschaft tragen. Der jetzige Einbruch ist nach Ansicht der Regierung lediglich der Preis, den man für die Korrektur einer "Unaufmerksamkeit" zahlen müsse, nämlich die Unterschätzung eines selbst angeheizten Booms. Major prägte für die Medizin seiner Drosselungspolitik das inzwischen geflügelte Wort: "Wenn sie nicht weh tut, dann wirkt sie auch nicht."