Die erweiterte Bundesrepublik beginnt mit demselben obersten Staatsziel wie die alte 1948: Wohlstand für alle, jetzt auch "Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse" genannt. Der Mensch der Ex DDR wird auf den Homo oeconomicus verkürzt, als ob seit den sechziger Jahren nichts gewesen sei; allenfalls das Umweltthema. Das wird nicht sehr lange durchzuhalten sein. Zur Schlüsselfrage der Einheit wurde erhoben, ob aus "der Erfahrung von Arbeitslosigkeit" in der Ex DDR schnell genug "eine neue Arbeitsethik entstehen wird, eben Arbeitnehmer, die sich nach der Disziplin des freien Unternehmertums sehnen", so schrieb ironisch John Kenneth Galbraith in der ZEIT (Nr. 44 vom 26. Oktober). Oder marxistisch gefragt: Wie schnell bestimmen die neuen Produktionsverhältnisse einstweilen ohne entsprechende Produktivität das Bewußtsein?

Nichts scheint mehr durch vom neuen Menschen des deutschen Idealismus. Besitzindividualismus ist angesagt, allgemeiner Wohlstand in der Ex DDR; keinem dort wird es, so der Kanzler, schlechtergehen als bisher, die Westdeutschen werden alles aus dem Zuwachs erwirtschaften. Keine Opfer nötig, keine Steuererhöhungen, jedenfalls jetzt noch nicht, allenfalls Zwangsabgaben, aber natürlich nicht für die Einheit. An diesen Ankündigungen wird die Wirtschafts- und Finanzpolitik der nächsten Jahre gemessen. Lassen sich die Menschen in den neuen Bundesländern durch Arbeitslosigkeit disziplinieren, dieselben, die vor kurzem noch unter Lebensgefahr auf die Straße gegangen sind, um "Wir sind das Volk" zu rufen? Die Reichsbahner haben gegen Entlassungen gestreikt - was machen die anderthalb Millionen arbeitslosen "Kurzarbeiter", wenn im Juli 1991 das Kurzarbeitergeld entfallen sollte? Was machen die anderthalb Millionen Arbeitslosen, was machen diejenigen, deren Betriebe 1991 saniert werden sollen? Wie geht das: Wohlstand sofort und Effizienz später?

Trotzig, in Textziffer 297 des Jahresgutachtens 1991 versteckt, karten die Gegner der sofortigen Währungsunion, die Professoren vom Sachverständigenrat, noch einmal nach: "Wohl aber hatte und hat der Rat die Pflicht, auf die volkswirtschaftlichen Kosten einer Währungsunion hinzuweisen, die nicht von bereits wirkenden Wirtschaftreformen begleitet wird. Und zu diesen Kosten ist es, wie vorauszusehen war, gekommen "

Seit ihrer Existenz hat die Bundesrepublik keine Wirtschaftskrise auch nur ähnlicher Dimension erlebt. Die tiefste altbundesrepublikanische Rezession bewirkte gerade mal eine Verminderung des Sozialprodukts um ein einziges Prozent. Das Sozialprodukt der Ex DDR ist laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im dritten Quartal um 31 Prozent gegenüber 1989 gesunken; ein weiterer Rückgang bis Mitte 1991 ist höchstwahrscheinlich. Die morbide SED Wirtschaft hat den Schock einer dreihundertprozentigen Aufwertung der Ost Mark nicht überstanden. Die fünf führenden wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute prognostizieren einvernehmlich für 1991 in der Ex DDR 1 4 Millionen Arbeitslose und 1 75 Millionen Kurzarbeiter.

Der Sachverständigenrat analysiert im Gutachten vom 15. November: "Der Abbau von dreieinhalb Millionen Arbeitsplätzen (von insgesamt knapp neun Millionen - Anm, d. Red ) bringt für die Menschen in den neuen Bundesländern große Härten Das aber bedeutet, daß dort mehr als jeder dritte in einem halben Jahr faktisch arbeitslos sein wird. So was hat die Republik noch nicht erlebt. Stahl, Kohle- und Schiffbaukrise in der Bundesrepublik (alt) zusammengenommen, waren ein Kinderspiel dagegen. Die Politik hat zwanzig Jahre gebraucht, um halbwegs damit fertigzuwerden, und vor allem das Bauernproblem ist noch immer nicht gelöst. Wenig spricht dafür, daß die gleichen politischen Institutionen, die gleichen politischen Gruppierungen, die gleichen politischen Figuren nun plötzlich anders funktionieren.

Aber selbst wenn den deutschen Führern die wirtschaftliche Härte und soziale Unberührtheit einer Maggie Thatcher zufliegen würden, sie hätten keine Chance, das Problem mit dem bisher propagierten Konzept zu bewältigen.

Dazu ein paar Zahlen: Um in Ostdeutschland die Disparitäten gegenüber Westdeutschland beim Kapitalstock, bei der institutionellen Infrastruktur, bei der Wettbewerbsfähigkeit, bei den Einkommen und bei der Auslastung des Produktionspotentials in zehn Jahren abzubauen, müßten dort Jahr für Jahr sechzig bis siebzig Milliarden Mark Realkapital gebildet, Investitionen realisiert werden. Dies entspricht einer Investitionsquote von gut zwanzig Prozent des Bruttoinlandsproduktes der neuen Bundesländer. Eine Quote, die bisher über zehn Jahre in keinem Industrieland erreicht worden ist; denn es würde ein jährliches reales Wachstum von acht Prozent bedeuten.