Nicht weil sie die reale Welt für ein Jammertal gehalten hätten, sondern weil sie Freude am Dasein hatten, am Fröhlichsein und Festefeiern, an der Liebe, am reichlichen Essen und Trinken, an der Familie mit möglichst vielen Kindern, am Fischen und Jagen, auch an der Arbeit, haben die Menschen im alten Ägypten so viel für ein Leben im Jenseits investiert. Nicht Abwendung vom Leben stand hinter ihrem aufwendigen Totenkult, sondern der Wunsch, es in alle Ewigkeit zu verlängern, es zwar nicht einfach weiterzufuhren, aber nach dem Tod geläutert in schönerer und edlerer Umgebung unsterblich zu sein. Unter dem Motto „Suche nach Unsterblichkeit“ veranschaulicht das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim jetzt dieses zentrale Thema des alten Ägypten.

Mit besonders schönen Stücken (fast) nur aus ihrer eigenen Ägypten-Sammlung, einer der reichsten der Welt, zeigen die Hildesheimer, wie sich die Ägypter vor zwei-, drei-, viertausend Jahren nach ihrem Tod auf den Weg ins Jenseits begaben. Auch wer über den ägyptischen Totenkult manches gelesen hat und vielleicht gar die Gräber im Tal der Könige kennt, dürfte in dieser kleinen, aber exquisiten Ausstellung, die betont didaktisch angelegt ist, einiges hinzulernen oder wird doch zumindest einen anschaulichen Eindruck gewinnen. Denn hier ist alles Wesentliche zum Thema vereint, und der Weg wird von Station zu Station sichtbar, so wie er auf dem wundervoll bemalten Sykomorenholzsarg des Djed-Bastet-juef-anch aus der Ptolemaerzeit (2./1. Jahrhundert vor Christus) dargestellt ist.

Da sieht man, wie der Leichnam, die schwarz ausgefüllte Silhouette eines entblößten menschlichen Körpers, von drei Reinigungspriestern für die Balsamierung vorbereitet wird und wie ein vierter Priester, der die Hundekopfmaske des Anubis trägt, des für die Mumifizierung zuständigen Totengottes, mit langen Stoffbinden vor dem inzwischen mumifizierten Körper steht. Das nächste Bild zeigt die fertig eingebundene und mit einer Gesichtsmaske versehene Mumie auf einer Bahre liegend, unter der vier Kanopenkrüge für die lange zuvor entnommenen inneren Organe stehen. Um weiter oder wieder leben zu können, mußte möglichst der ganze Körper erhalten werden, mußte auch der Sarg, zumindest der menschengestaltige innerste Sarg, für alle Zeit haltbar sein. Er galt als „Kasten des Lebens“ und als notwendiges Medium für die erhoffte Wiedergeburt.

Die Wiedergeburt war ursprünglich allein auf den König beschränkt gewesen, der im Jenseits, das entweder im Nekropolengebiet, dem Reich der untergehenden Sonne, oder droben im Himmel oder in der Unterwelt vermutet wurde, weiterherrschte wie der Totenherrscher Osiris oder gar selber Osiris wurde. Gegen Ende des Alten Reiches beanspruchten auch hohe Würdenträger, Priester und Beamte und schließlich immer mehr Menschen für sich die Unsterblichkeit. Doch sollte niemand allein infolge seines Reichtums ins Jenseits kommen, der sich leicht ein teures Grab, sein „Ewiges Haus“, und vor allem die hohen Folgekosten leisten konnte, die für Totenpriester und Ka-Diener aufzubringen waren, von denen sein Ka, seine Seele, im Totenreich auf ewig versorgt werden sollte. Deswegen entstand zu Beginn des Reiches die Vorstellung von einem Totengericht, das den Verstorbenen prüfte, ob er ein im ägyptischen Sinne „richtiges“ Leben geführt hatte, indem es sein Herz, die Sammelstelle allen guten und schlechten menschlichen Handelns, auf die Waage brachte. Auch dies ist hier zu sehen: wie der schakalkopfige Anubis das Herz gegen die Ma’at, die Gerechtigkeit, abwiegt und der ibisköpfige Gott Thot das Ergebnis aufschreibt, während 42 Dämonen als Beisitzer fungieren.

Im Jenseits behielt der Verstorbene seine Identität, die aber immer an seinen Körper gebunden blieb. Doch konnte er den Korper und sogar sein Ewiges Haus vorübergehend verlassen, indem er mit Hilfe der Ba-Seele, einer der vier Seelen, in denen er weiterlebte, Vogelgestalt annahm. Seine Ka-Seele aber mußte in seinen Statuen und Bildnissen bleiben; sie fungierte als sein Doppelgänger und hielt die Verbindung zur diesseitigen Welt über den Tod hinaus aufrecht. Seine Ach-Seele verband ihn mit dem Jenseits, gab ihm aber zugleich die Möglichkeit, als Gespenst im Diesseits zu wirken. Und viertens konnte der Auferstandene als „Schub“ erscheinen, als schwarze Silhouette, blieb dann aber an den Körper gebunden.

Für Tutanchamun, den Goldenen Pharao, funktioniert das von den Ägyptern erdachte und immer weiter entwickelte Überlebenssystem, das freilich viel komplizierter war als hier angedeutet, vielleicht noch heute; denn er erfüllt wesentliche Voraussetzungen: Tutanchamun wohnt noch in seinem Ewigen Haus im Tal der Könige, geschützt von einem seiner drei inneren Mumiensärge, wenngleich nicht vom innersten, der aus reinem Gold ist, 225 Kilogramm schwer, und im Museum in Kairo steht. Irgendwo da werden 25 andere Königsmumien verwahrt, denen Grabräuber schon vor Jahrtausenden den Traum von Unsterblichkeit zerstörten, als sie sie aus ihren Särgen und Gräbern herausrissen und sie all ihrer Schätze und schützenden Beigaben beraubten.

Gerhard Prause

Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim Am Steine 1 dienstags bis sonntags 10 bis 18, mittwochs bis 21 Uhr bis 16 Juni 1991