Von Harry Prosa

In Scheidewege, Jahresschrift für skeptisches Denken (Jahrgang 20, 1990/91), steht wieder viel Wissenswertes und Gewissenswertes. Zwar ist das Heft kein "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes"; aber die Skepsis läßt sich doch auf den gemeinsamen Nenner des schönen Gedichts von Johann Peter Hebel bringen, daß einhalten soll und sein Gewissen befragen, wer an einem Kreuzweg steht.

Für die Scheidewege war die Ökologie eine Sorge, ehe die Sorge um die Wählerstimmen die Politiker ökologisieren hieß. In diesem Heft unterstreicht Ernst Ulrich von Weizsäcker den globalen Aspekt. "Klimapolitik als Erdpolitik" kommt zum Resultat, daß das Leben endet, wenn die Lufthülle der Erde weiter so demoliert wird. Nicht nur jeder Mensch hat eine empfindliche Haut, auch die Erde hat eine Vielleicht verdeutlicht der Vergleich, was auf dem Spiele steht. Der Schlüssel zum Problem ist der Energieverbrauch. Christian Schütze, der alljährlich einen Bericht über "Die Lage der Natur in der Nation" gibt, geht weit über die erweiterten Grenzen des deutschen "Lebensraumes" hinaus: Jedes Wachstum, jeder menschliche Verbrauch muß am Ende aus Gründen der Thermodynamik zum Zerfall führen. "Am Ende", kann man da einwenden; aber die Sache wird dann doch wieder politisch faßbar, wenn man weiß, daß die Bundesrepublik so viel Energie verbraucht wie England und Frankreich zusammen.

Stehen wir noch an einem Kreuzweg? Die Beiträge der Philosophen Jonas, Chargaff, Low in diesem Heft sehen uns eher auf einer Rutschbahn, und da ist es bekanntlich viel schwieriger, einzuhalten und zuerst das Gewissen zu befragen. Aber vielleicht kann man doch hoffen, daß aus dem großen Kulturmix, der offensichtlich an jeder Straßenecke zugange ist, neues Denken sich entwickelt. Konrad Adam, "Die erzwungene Vision", sieht geringe Chancen dafür: Die Deutschen vollziehen nur noch, was fällig ist, sie haben keine Wahl mehr. Die Migration überrollt sie, ähnlich das "Nord-Süd-Dilemma" (Horst Bieber). Und schließlich erklärt Günter Altner: "Ob das menschliche Bewußtsein in der Lage ist, sich auf die vorläufige und sensible Werdegestalt der irdischen Biosphäre als die ihm anvertraute Lebenswelt einzulassen oder nicht, daran wird es sich entscheiden, ob wir in Frieden leben oder zur Unzeit untergehen, in Europa aber eben auch weltweit."

Wenn die Probleme auf die Haut gehen, wird der Ruf nach Sensibilität laut: Wer hätte je von der "sensiblen Werdegestalt der irdischen Biosphäre" gesprochen? Da ist die Warnung der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth vor unbedachtem Wortverbrauch schon geläufiger. Sie plädiert für erhöhte Sprachsensibilität beim Erinnern und im politischen Alltag überhaupt: Es geht nicht um "historisierendes Erinnern; entscheidend ist vielmehr der Transfer, die Übertragung des an der Vergangenheit Erkannten auf gegenwärtiges und zukünftiges Handeln – auch über den angeschnittenen Problemkreis hinaus."

So geschieht es im Novemberheft 1990 der Dachauer Hefte. Die Herausgeber, Wolfgang Benz und Barbara Diestel, haben Beiträge zur Ritualisierung des Gedenkens, ihre Schwierigkeiten und Gefahren, zusammengestellt. Bei steigendem Verbrauch an "historischen" Daten wohlgeeignet, für die notwendigen Unterscheidungen zu sensibilisieren. Nicht der Konsum, sondern der Transfer macht’s. So auch Professor Horst Kunze, von 1950 bis 1976 Generaldirektor der Ostberliner Deutschen Staatsbibliothek zum 25. Geburtstag der dortigen Fontane-Blätter. Fontanes Menschlichkeit und Weltsicht bedeute noch immer Gewinn: "Noch nie ist seine Mahnung, mit dem Herzen zu denken und mit dem Geist fühlen zu lernen, so beherzigenswert gewesen wie in unseren ökonomiebesessenen Tagen."

Noch nie? Die Zürcher Zeitschrift Der Alltag, (Heft 3/1990), hat den Konsum zum Schwerpunktthema. Damit rührt sie an die ökonomische Grundlage der aktuellen politischen Entwicklungen. Konsum ist das Zauberwort der Wirtschaftstätigkeit wie der politischen Aktion geworden, weil die Massen ihre individuelle Selbstverwirklichung im Konsum suchen.