Ist die Zeit der Grünen abgelaufen? Joschka Fischer hält dagegen. Er verlangt von seiner Partei eine radikale Strukturreform: Abschaffung der Rotation, Wahl eines Parteivorsitzenden, Doppelmandate für einen kleinen Kreis von Landes- und Bundespolitikern. Zehn Jahre ging es bei den Alternativen zu wie im Hühnerstall; letzt folgt die Flucht in eine grüne Honoratiorenpartei. Ein halbes Dutzend Prominenter soll die nächsten vier Jahre überbrücken helfen, in denen die Grünen im Bundestag ohne Abgeordnete aus dem Westen Deutschlands auskommen müssen.

Die Antwort Fischers ist richtig – und doch halbherzig. Wenn sie es überhaupt noch schaffen können, dann müssen die Grünen zugleich ihre Programme umschreiben. Weil sie zu oft Radikalität zum Prinzip erhoben haben, glaubt ihnen die Öffentlichkeit auch dann nicht mehr, wenn radikales Handeln unausweichlich wird, sei es in der Verkehrs-, Abfall- oder Energiepolitik.

Eine selbstkritische Programm-Revision hätte freilich zur Folge, daß viele Grüne endgültig zur PDS wechseln würden. Mit ihrer erfolgreichen Klage gegen das von den Großparteien ursprünglich geplante Wahlverfahren haben die Grünen der PDS zum Sprung in den Bundestag verholfen. Zum Dank dafür kann die PDS nun jene aufnehmen, die sich auch in den neunziger Jahren ganz dem seit einhundert Jahren unvollendeten Projekt des Sozialismus widmen wollen.

Ob die Grünen aus der Bundespolitik ausscheiden oder nicht, wird sich im Januar und Februar entscheiden. Wenn die Landtagswahl in Hessen Ende Januar keinen neuen Auftrieb gibt und die Option Rot-Grün auch dort außer Reichweite gerät, wenn es auf dem Sonderparteitag im Februar nicht zur strukturellen und programmatischen Erneuerung kommt, dann werden die Grünen auseinanderlaufen. Die einen werden den Weg in die außerparlamentarische Opposition suchen; andere werden bei der SPD anklopfen.

Vielleicht könnte das Parteiensystem das Ausscheiden der Grünen verschmerzen. Aber der Preis wäre hoch. Zum einen ist die ökologische Antriebskraft eines Regierungsbündnisses von SPD und FDP schwach. Zum anderen aber würde die politische Kultur in Deutschland, die durch den Einigungsprozeß ohnehin auf eine harte Zerreißprobe gestellt wird, noch zusätzlichen Schaden nehmen. Viele Zwanzig- bis Vierzigjährige verlören ihre politische Heimat. Norbert Kostede