Deutsche Vereinigung-Verlust der jüdischen Identität?

Von Richard Chaim Schneider

Der 8. Mai wird dereinst in die Annalen der jüdischen Geschichte eingehen als das Datum, das die geistige Kapitulation und den Identitätsverlust des jüdischen Volkes am Ende dieses Jahrtausends markiert.

Am 8. Mai tagte in Berlin der Jüdische Weltkongreß, zum ersten Male nach Kriegsende in der inzwischen nicht mehr geteilten Stadt. Mit großer Allüre verkündeten Präsident Edgar Bronfman und der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, die Juden in aller Welt hätten „dem neuen Deutschland etwas zu sagen“. Man erinnerte an Auschwitz, man mahnte vor der Gefahr eines neu aufflackernden Antisemitismus in Ost und West, man vergaß nicht, die antisemitischen Tendenzen in der DDR zu betonen, und man machte den Deutschen klar, wie sie sich in Zukunft zu verhalten hätten.

Die internationale Presse war anwesend, ebenso die gesamtdeutsche politische Prominenz. Ein großes Ziel schien erreicht. Doch was die jüdischen Führer übersahen, war, wie es ihnen gelang, sich auf Schritt und Tritt lächerlich zu machen, und, ungewollt, der Weltöffentlichkeit den desolaten Zustand der jüdischen Gemeinschaft zu offenbaren.

Man hätte dem neuen Deutschland etwas zu sagen? Ja, was denn? Und vor allem: Wen interessierte das? Was sollte bewiesen werden? Daß Helmut Kohl ohne das Placet der Juden nicht gesamtdeutscher Kanzler werden könne? Daß Juden mit ihrem Veto den Lauf der Geschichte aufhalten könnten? Was diese 45. Tagung des Weltkongresses in Wirklichkeit demonstrierte, war der verzweifelte Versuch, den Zusammenbruch des nach 1945 herausgebildeten jüdischen Selbstverständnisses aufzuhalten.

Der Fall der Mauer hat bei Juden in aller Welt in der Erinnerung an die Verbrechen des einstigen Großdeutschland verständlicherweise Ängste ausgelöst. Doch daß von Deutschland ein zweiter Holocaust ausgehen könne, hat niemand so recht geglaubt, nicht einmal Jitzchak Schamir, der sich diesbezüglich mit Helmut Kohl brieflich herumstritt. In jüdischen Kreisen ging eine ganz andere Angst um: die Angst, die bequeme, geliebte Opferhaltung, an die man sich über so viele Jahrzehnte gewöhnt hatte, aufgeben zu müssen. Konnte doch die von vielen Politikern formulierte Ansicht, man befinde sich jetzt in der Nach-Nachkriegsära, nur bedeuten, daß unter die Greueltaten der Nazis ein Schlußstrich gezogen werde, daß Deutschland wieder erhobenen Hauptes im Kreise der Völkergemeinschaft einherwandeln dürfe.