Die Studie von Irmgard Klönne bricht ein Stereotyp auf, das Hans Blüher, der frühe Historiograph des Wandervogels, der Jugendbewegung zugesprochen hat: Sie sei im wesentlichen als erotisches Phänomen, als Ausdruck einer Männerbund-Ideologie zu definieren. Dieser Zuschreibung scheint ein Mangel an realer Wahrnehmung zugrunde zu liegen, aber auch die Neigung, das erotische Phänomen zur Homoerotik umzubiegen. Von hier bezog auch der Nationalsozialismus eine Argumentationshilfe zur Bekämpfung der „bündischen Umtriebe“.

Besieht man sich frühe Photos des Wandervogels, so wird deutlich, daß Mädchen und junge Frauen nicht allenthalben ausgegrenzt waren. Als Beispiel sei hier etwa auf den um Eugen Diederichs versammelten Sera-Kreis hingewiesen, dem Wilhelm Flitner in seinen Lebenserinnerungen ein Portrait gewidmet hat. Irmgard Klönne schildert die Rolle von Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung mit viel Akkuratesse, wobei sie freilich eine Tradition des Antifeminismus nicht überzeichnet. Mädchengruppen, auch gemischtgeschlechtliche Gruppen, haben vor allem den Wandervogel, die Pfadfinder und konfessionelle Jugendorganisationen gekennzeichnet. In der jüdischen Jugendbewegung „Blau-Weiß“ lag ein Sonderfall vor, weil weibliche Jugendliche gleichsam zu einer zweifachen Solidarisierung herausgefordert waren: gegen Antifeminismus und Antisemitismus. Das Buch fasziniert nicht zuletzt dadurch, daß der Versuch unternommen wird, fast alle weltanschaulichen Facetten von Jugendbewegung auszuleuchten und eine historische Revue zu veranstalten, die sich bis ins „Dritte Reich“ verlängert. Joachim H. Knoll

Irmgard Klönne:

„Ich spring’ in diesem Ringe“

Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung; Centaurus Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1990; 305 S., 38,– DM