Auf eine gewisse Weise ist der Presseball immer auch ein Spiegelbild der politischen Zustände und der Seelenlage in Bonn gewesen. So auch diesmal. Auf jeden Fall ist die politische Klasse größer geworden, Gregor Gysi und einige Parlamentarierinnen der PDS, auch Journalisten aus den fünf neuen Ländern, die im Jargon jetzt FNL heißen, und das Ballett aus dem Friedrichstadtpalast tanzten mit. Lothar de Maizière war dabei, aber zog den Hintergrund vor.

Auf der Bühne stand eine schwarzrotgoldene Fahne, die eine Metallkünstlerin aus blechernen Zigarillodosen fabriziert hatte. Ein Fahnenzitat also. Hinweis darauf, daß sich etwas geändert hat in Deutschland, aber auch ein winziger Schuß Ironie. Größer war der Saal, in dem der Ball stattfand. Traditionell wurde dazu in die Beethovenhalle eingeladen, die der Politik an diesem Abend stets das Flair von ein bißchen Abgestandenheit, Vorgestrigkeit, Biedersinn, aber auch einer gewissen Bescheidenheit gab. Jetzt also das Mammuthotel Maritim als Tatort: ein Wechsel, der nur konsequent ist. In den letzten Jahren ist ein wahrer Bauboom in Bonn ausgebrochen. Weiter so, als hätte sich nichts geändert – nur eben immer größer, prunkvoller, imposanter will die Politik sich darstellen. Was man hat, muß man auch zeigen.

In den großen Hotelsälen der großen weiten Welt sieht es überall ähnlich feudal und postmodern aus – und das können wir Bonner nun endlich miterleben, zu Hause. Oskar Lafontaine, um diese Stunde noch Kandidat, gab seinem Herzen einen Stoß und ließ sich aus Saarbrücken einfliegen. Dafür fehlte der Kanzler. Irgendwie hat Kohls Ball-Verzicht aber auch ganz gut ins Jahr gepaßt. Der Presse hat er damit, zwei Abende vor der Wahl, durch die Blume bedeutet – so jedenfalls ist es von den verärgerten Gastgebern verstanden worden daß sie ihn ohnehin nicht sonderlich interessiert. Oder daß er sie sowieso in der Tasche hat. Jedenfalls aber, daß er so irdische Verpflichtungen nach diesem Jahr der Geschichte straflos ignorieren kann. Der Kanzler ist dem Presseball entwachsen.

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Es ist Schnee von gestern, aber dennoch eine Erinnerung wert. Die Fernsehanstalten haben sich von den Wahlkämpfern nicht nur instrumentalisieren lassen, einige Sendungen der letzten zehn Tage fielen auf intelligente, freche, journalistische Weise aus dem Rahmen. Das gilt für ein Interview der ARD mit dem Kanzler, es gilt allemal auch für einen Beitrag von Spiegel-TV. Mit hintersinniger Kameraführung und lakonischen Texten hatte das Team ein Potpourri aus dem Wahlkampf zusammengeschnitten, wie es Alexander Kluge kaum besser hätte machen können.

Auffallend journalistisch auch ein Beitrag von Joachim Jauer und Wolfgang Herles über Helmut Kohl und Oskar Lafontaine. Jauer präsentierte einen Kanzler, bei dem die weihevolle Ergriffenheit der „geschichtlichen Stunde“ und (trotz Anflüge von Selbstironie) der Wahlkampf aufs natürlichste ineinander verschmolzen sind. Lafontaine, man spürte es, ist das Pathetische bis ins Innerste fremd. Seinem Portraitisten Herles ergeht es offenkundig ebenso.

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Schon in seinem Buch unter dem Titel „Nationalrausch“ (Kindler Verlag) hatte der Bonner Büroleiter des ZDF gewagt, gegen den herrschenden Konsens zu verstoßen, sich mit Bild, FAZ, Spiegel, ZEIT, mit Brandt und Teilen der SPD, vor allem aber mit Helmut Kohl anzulegen – und nicht zuletzt mit dem Fernsehen. Der Buchtitel ist nämlich ernst gemeint, wo doch jeder (in Bonn!)weiß, daß es einen solchen „Rausch“ nirgends gegeben hat. Woher denn! Polemik dieser Art wird nicht gern gehört, und man gilt ja auch rasch als Nestbeschmutzer. Das Risiko ist der Autor eingegangen. Mal sehen, wieviel polemische Kritik die Politiker (und das Fernsehen) zu ertragen bereit sind. Gunter Hofmann