Von Roland Kirbach

Es ist Montag, ein sonniger Tag im Griechenland-Urlaub des vergangenen Sommers. Der kleine Bahnhof des Küstenstädtchens Diakofto, im Norden des Peloponnes am Golf von Korinth gelegen, ist bevölkert von Touristen, vor allem deutschen. Sie warten auf die Zahnradbahn, die fünfmal am Tag von hier ins Aroania-Bergmassiv hinauffährt. Durch Schluchten und Tunnel keucht die kleine Diesellok mit ihren zwei Waggons. Nach 67 Minuten Fahrtzeit und 23 Kilometer Wegstrecke erreicht der Zug die Endstation: die Kreisstadt Kalavrita, 720 Meter hoch gelegen, umgeben von schroffen Bergen.

Seit 1895 gibt es die Bahn; bis nach dem Zweiten Weltkrieg war sie die wichtigste Verbindung zwischen der Küste und Kalavrita; eine Straße wurde erst später gebaut. Die Einheimischen meiden die Bahn im Sommer. Sie überlassen sie dann den Rucksacktouristen, die sich in die Sitze lümmeln, und den Herrschaften mit den Videokameras, die sich weit aus dem Fenster lehnen und die wilde Landschaft bewundern. Eine alte Griechin ist an diesem Morgen die einzige Einheimische, die mitfährt. Sie findet keinen Sitzplatz mehr und muß sich mit dem Notsitz im Gepäckabteil begnügen.

Es war am 13. Dezember 1943, gleichfalls an einem Montag, als schon einmal Deutsche mit der Zahnradbahn hier hinauffuhren. Soldaten der deutschen Wehrmacht nahmen diesen Weg. Ihr Auftrag lautete, Kalavrita zu vernichten, die gesamte männliche Bevölkerung zu liquidieren. Mehr als 800 Männer und Jungen wurden an dem Tag in einer fünf Stunden dauernden Massenhinrichtung erschossen; die Stadt wurde geplündert und angezündet. Vom einstigen Luftkurort Kalavrita, der wegen seines trockenen, angenehmen Klimas beliebt war, schon in den zwanziger Jahren über Strom verfügte und sieben Hotels mit fließend warmem Wasser besaß, blieben nur Ruinen. Auch andere Ortschaften wurden zerstört. Auf dem Hin- und Rückweg brannten die deutschen Soldaten weitere 28 Dörfer und Klöster nieder; insgesamt wurden in den Dezembertagen 1943 über 1300 Griechen in dieser Bergregion umgebracht.

Am schlimmsten getroffen hat es Kalavrita. "Stadt der Witwen" wird der Ort seitdem genannt; nur vier der vielen, damals jungen Frauen haben wieder geheiratet. Wenn sich das Ausmaß des Grauens an der Zahl der Opfer bemessen läßt, dann war das Blutbad von Kalavrita grauenvoller als die Massaker von Oradour oder Lidice – Namen, die auch jungen Deutschen aus dem Geschichtsunterricht ein Begriff und zum Synonym für die Tötung Unschuldiger geworden sind. Kalavrita aber ist nahezu unbekannt. Die Griechenland-Reiseführer verschweigen meist, was dort geschah, und selbst "Meyers Enzyklopädisches Lexikon" vermerkt den Massenmord mit keinem Wort.

Endstation Kalavrita. Die deutschen Touristen entsteigen der Zahnradbahn und strömen ins halbwegs wiederaufgebaute Zentrum der Stadt. Gegenüber dem Bahnhof, an der alten Schule, springt ein riesiges Wandgemälde ins Auge: Zwei Engel schweben über den Trümmern von Kalavrita. Darüber steht, auf griechisch und englisch: "Kalavrita, Mitglied der Gemeinschaft der gemarterten Städte". An der Schule beginnnt die stadtauswärts führende "Straße des 13. Dezember 1943". Sie führt stetig bergauf zur damaligen Hinrichtungsstätte, zum Paliopigado, was "alter Brunnen" heißt.

An der Straße liegt der Friedhof Kalavritas. Auf fast allen der stattlichen, marmornen Grabsteine steht dieses Datum: 13. Dezember 1943. Darunter oft vier, fünf oder noch mehr Namen. Und jedesmal die gleiche Inschrift: "Exekutiert von den Deutschen", mitunter auch: "Exekutiert von den barbarischen Deutschen". Der Friedhof ist fast leer; eine alte Frau gießt Blumen. "Ich versuche, nicht daran zu denken, was damals war, aber ich kann es nicht vergessen", sagt sie. Sie hat damals ihren Vater, ihren Mann, ihren Bruder und ihre zwei ältesten Söhne verloren. "Die Deutschen haben sich wie die Barbaren aufgeführt, aber ich habe nichts gegen sie. Die Jungen sollen daraus lernen, daß es so etwas nie mehr wieder geben kann."