Von Ludwig Witzani

Im "Rama-Guesthouse" in Chiang Mai herrscht emsige Geschäftigkeit. Chrisi, die resolute junge Wirtin, zeigt uns stolz Dankesschreiben und Grußadressen in verschiedenen Sprachen. "Es war ein großes Erlebnis, mit Ray auf Trekking-Tour zu gehen", lese ich. "Thank you, Ray, for this kind of experience." Ich sehe Bilder von glücklichen Trekkern vor grünen Horizonten, ich sehe Reisfelder, Opiumblüten, Elefanten, Flöße, Eingeborenendörfer. Wer könnte da widerstehen? Ich blättere 1300 Baht (etwa achtzig Mark) auf den Tisch des Hauses und werde das achte Mitglied einer Gruppe, die einige Stunden später zu einer viertägigen Trekking-Tour in die thailändisch-burmesischen Grenzgebiete aufbrechen wird.

Chiang Mai, mit 140 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Thailands und Metropole des ländlichen Nordens, gilt als obligatorisches Reiseziel für Individual-Touristen aus Europa, Amerika und Japan, weil es so aussieht, als könnten sich in dieser grünen und bergigen Region die Vorstellungen von Tropen und Abenteuer erfüllen. Zudem ist hier das Klima angenehmer als im Süden, und die Preise sind nicht so hoch; sogar die Malaria soll in den letzten Jahren ausgerottet worden sein. Eine Gegend, in der man sich vom heißen, chaotischen Bangkok erholen und in Ruhe auf die Trecking-Tour vorbereiten kann.

Als Thailand-Novize hatte ich von diesem Ausflug in den Dschungel bloß ungenaue Vorstellungen. Ich wußte nur so viel: In Nepal benötigt der Trekker vor allem festes Schuhwerk, um durchzukommen, am Amazonas einen gesunden Magen, um die unvermeidliche Maniok-Suppe verdauen zu können, und im Hoggar-Gebirge ist vor allem anderen Wasser wichtig. Was aber braucht ein Trekker, der sich von Chiang Mai aus in die Wildnis begibt?

Mit kleinen Rucksäcken ausgestattet, warten wir vor dem Haus auf den Minibus. Unser Führer Ray, ein thailändischer Twen mit einer asketischen Mönchsfigur, schüttelt jedem die Hand und schaut uns dabei bedeutungsvoll in die Augen. Mit asiatischem Gleichmut mustert er die Truppe, zu der auch zwei Japaner gehören. Der ältere der beiden, mit festen Hochgebirgsschuhen an den Füßen, hat alles dabei, was helfen könnte, selbst schlimmste Situationen zu überleben: Schwimmweste, Taschenmesser, Wasserflasche und Fernglas. Der jüngere erscheint dagegen äußerst unbekümmert. Seine Ausrüstung besteht im wesentlichen aus einer fabrikneuen, noch verpackten Billig-Kamera, die er vor unseren Augen auspackt und dann den stoisch dreinblickenden Ray photographiert. Zwei Holländer sind dabei, die ihre langen Beine unbekümmert auf die Rucksäcke der Japaner legen und Musik aus dem Walkman hören. Zuletzt pressen sich noch drei lebhafte englische Studentinnen in den Kleinbus.

Eng zusammengepfercht fahren wir in nordwestlicher Richtung davon, der burmesischen Grenze entgegen, und nehmen unterwegs noch zwei weitere Guides auf. Es sind keine Straßen, über die der Wagen dahinholpert, sondern bessere Feldwege. Immer wieder kommen wir durch Dörfer, und einmal passiert es, daß wir mit einer vollen Ladung Wasser überschüttet werden, nachdem wir uns hinausgelehnt hatten, um den Kindern zu winken. Erschreckt schreien wir auf, nur unsere Begleiter lachen, denn sie wissen Bescheid: In diesen Tagen wird das thailändische Neujahrsfest Songkran gefeiert. Da lieben es die ausgelassenen Thais, sich gegenseitig möglichst überraschend mit Wasser zu begießen und Glück fürs neue Jahr zu wünschen.

Die vermeintlich harte Tour durch unwegsames Gelände beginnt äußerst moderat. Da bereits der frühe Nachmittag angebrochen ist, lassen wir das Gepäck im Auto und machen uns auf einen Spaziergang durch den Wald. Es bedarf keineswegs einer Machete, um sich hier den Weg zu bahnen. Denn vor uns waren schon genügend andere Touristen hier und haben die Trampelpfade gut ausgetreten. Bald erreichen wir einen kleinen Wasserfall, an dem gerade eine andere Trekking-Gruppe das Feld räumt, um uns Gelegenheit zum Baden zu geben.