ZDF, Montag, 10. Dezember, 23.30 Uhr: „Schatten im Zenit“

Aleatorische Vokalisen und die zaghafte Zartheit eines Streichquartetts verhallen im weiten Gewölbe. Hier singt, hier zittert, hier tröpfelt Laetitia, die beseelte Pflanze, aus einem Mondsamen entsprungen. Laetitia ist augenscheinlich nicht viel mehr als eine Spirale aus blättrigen Wirbeln; droben die Blüte hat ein Auge, wohl auch einen Mund, der im schillernd Ungewissen dieses Kelches, dieses verzückend Höchsten bleibt. Ein wäßriges Wesen, ganz aus Feuchte, Spiegelung und Glast, verschwimmt sie auch vor der Kamera. Sie ist der Inbegriff von Empfindsamkeit, ein nacktes, ungeschütztes Seelchen, das frei im Raum schwebt, süß und zerbrechlich. Sie ist das Weibliche schlechthin, das lockt und kränkelt und alle Männer ringsum in den Wahnsinn treibt.

Drei Männer (Hans-Peter Minetti, Christoph Eichhorn, Wolfgang Dehler) sind um sie herum, in denen sie sich spiegeln kann, feingliedrig, feucht und rein: die weibliche Gewalt. Rosa-fleischfarbene Früchte wirft sie den Männern hin. Sie enthalten Winzigkeiten eines dunklen Saftes, der berauscht und süchtig macht. Ein Mann wird mit Laetitias Früchten Handel treiben. Ein anderer wird ihnen verfallen. Der dritte wird als Arzt hinzugezogen; von der Verführung dieses Rationalisten ins Labyrinth des eigenen Innenlebens erzählt der Höhepunkt des Films.

So abstrakt freilich, wie dies Weibliche ist, so abstrakt ist die Verführung; Laetitia kann nicht mehr als schillern und zittern. Dem Doktor bleibt nichts anderes übrig, als sie erst analytisch streng, dann immer hingegebener zu betrachten. Der Film stößt rasch an Grenzen, die solch eine metaphorische Geschichte und solch abgehobene Dialoge („... ach, Sie und Ihre weißen Küsten des Todes!“) der Bildersprache setzen. Da ist manche gelungene Traumszenerie zu sehen, apokalyptische Himmelsverwerfungen hinter einem babylonischen Turmbau; da gibt es keine Fenster und Türen, sondern nur flüchtige Durchgänge und Durchblicke, undeutlich wie Traumbilder nach dem Erwachen. Cocteau läßt grüßen, wenn ganz reale Dinge sich in Geträumtes verwandeln: Ein alter „Tatra“ spielt das Auto und wird zum schlitzäugigen Maulwurf, rasant und gefährlich.

Der Film scheitert daran, daß sich wohl irreale Szenenbilder erfinden lassen, irreale Charaktere aber nicht. Die Entrückung gelingt dem alten Jonathan (Hans-Peter Minetti) noch am ehesten, die beiden anderen bleiben grau und „real“. Fremde Laute und farbiges Licht helfen ihnen nicht bei der „Verrückung“, der Flucht in die eigenen Eingeweide, hin zu diesem letalen Seelenstrang Laetitia. Und weil sie ihr matter Spiegel sind, bleibt auch Laetitia machtlos, ein ausgedachtes Gaukelding, an dem man sich erheitern, aber nicht verzweifeln kann.

Rainer Kirberg hat diesen Film gedreht, der „interessant mißlungen“ ist und wohl nicht nur Filmemachern Anregung gibt, sich in Bilder aus dem eigenen Untergrund zu versenken. Martin Ahrends