Von Hartmut Jäckel

BONN. – Es mag zwar selbstgerecht wirken, aber mitunter läßt es sich einfach nicht vermeiden, eigene Vorhersagen zu zitieren. "Bleibt sich Lafontaine aber treu", so habe ich vor knapp vier Jahren geschrieben (DIE ZEIT, 13. Februar 1987, Seite 4), "wird er für die deutsche Sozialdemokratie spätestens 1990 – als Kanzlerkandidat – zum Risikofaktor Nummer eins werden. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, in der dann anstehenden Bundestagswahl das saarländische Mirakel von 1985 zu wiederholen, die Grünen zu dezimieren und das Gros ihrer potentiellen Wähler auf seine Seite zu ziehen, muß das nicht bedeuten, daß die magere 37-Prozent-Marke vom Januar 1987 erreicht oder gar übertroffen wird."

Oskar Lafontaine ist sich treu geblieben. Die Wähler haben seinen Führungsanspruch rigoros verworfen – und damit eine Voraussage bestätigt, die damals nicht jedem einleuchten mochte. Am vergangenen Sonntag wurden die Grünen (West) dezimiert, und dennoch hatte der Kandidat, der dies schaffte, das Nachsehen. Wie konnte das geschehen?

Die Antwort lautet: Lafontaine war und ist kein Mann jener Mitte, in der allein Bundestagswahlen entschieden und gewonnen werden. Wer noch immer meint, dem SPD-Spitzenkandidaten sei vor allem seine extrem unsensible Haltung in der deutschen Frage zum Verhängnis geworden, verwechselt Ursache und Wirkung. Als die eingangs zitierte Prognose gestellt wurde, waren ja weder der Fall der Mauer noch die eklatanten Mißgriffe absehbar gewesen, mit denen führende Sozialdemokraten landauf, landab auf das Ereignis der Einheit reagieren würden.

Oskar Lafontaine ist nicht an seinem Unvermögen gescheitert, sich den Deutschen in Ost und West als Mitgestalter des historischen Einigungsprozesses verständlich zu machen, der Grund seines Mißerfolgs liegt viel tiefer. Es ist die auch bei wohlwollender Betrachtung allzu locker gefügte Persönlichkeitsstruktur des (nicht nur rhetorisch) hochbegabten Saarländers, die ihn der Wählermehrheit bis weit in die Reihen der Anhänger und Mitglieder seiner eigenen Partei hinein suspekt macht. Der Mangel an Gespür und Augenmaß, das Zuviel an Eigensinn und kalter Rechenkunst, die Lafontaine während eines langen Jahres offenbart hat, sind nicht so jungen Datums, wie mancher meinen möchte. Die Verlockung, nein zu sagen, wenn ein anderer ja sagt, die Lust am Schlagabtausch in vollbesetzter Arena sind Teil jenes Elements, aus dem Lafontaine Kraft und Profil gewinnt.

Der wählende Bürger aber möchte sicher sein, daß niemand Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wird, dessen Umgang mit der erneut wachsenden Machtfülle dieses Amtes nicht hinreichend berechenbar erscheint.

Wenn es je zuvor einen Kanzlerkandidaten gegeben hat, dem Gleiches widerfuhr, der wie Oskar Lafontaine im Wahljahr 1990 Zweifel an seiner Stetigkeit und Verläßlichkeit weckte, so war es – im Wahljahr 1980 – Franz-Josef Strauß. Damals wie heute war es nur scheinbar ein wettbewerbsverzerrender Kanzlerbonus, der die Amtsinhaber obsiegen ließ. Es waren vor allem die schwimmenden Schatten im Persönlichkeitsbild ihrer Herausforderer, die das Ringen um die Kanzlerschaft entschieden.