Von Marlies Menge

Mitten im Stau fällt mir der Spruch ein, den ein Freund auf einem Potsdamer Grabstein entdeckt hat: „Immer geradeaus“. Aber es geht überhaupt nicht weiter, nicht geradeaus und nicht um die Ecke. Die Potsdamer Straßen sind dem Ansturm der neu zugelassenen und der westdeutschen Autos nicht gewachsen. „Immer geradeaus“ ist sehr potsdamisch, falls dieses Adjektiv erlaubt ist. Es heißt soviel wie: immer vorwärts, immer weitermachen, wenn es auch schwierig ist. Das paßt zu Potsdam. Aber der Stau ist unpassend, stört die provinzielle Ruhe, die die Potsdamer an ihrer Stadt so lieben – und die die neue Landeshauptstadt von Brandenburg sich auf Dauer nicht wird leisten können.

Im Antiquariat in der Friedrich-Ebert-Straße sieht es aus, als sei die Monarchie ausgebrochen. Das große Fenster ist dekoriert mit preußischen Berühmtheiten: Friedrich der Große, Bismarck, Louis Ferdinand von Hohenzollern. Innen in den Regalen stehen Bucher wie „So kochte Berlin zur Zeit der Konigin Luise“ oder alte Filmprogramme vom „Flotenkonzert von Sanssouci“ mit Otto Gebühr. Ein Stückchen weiter, im „Potsdam-Shop“, werden Preußen-Anstecker verkauft, von deren Erlös die legendäre Garde der Langen Kerls für repräsentative Anlasse neu formiert werden soll. Ein Garde-Grenadier-Klub hat sich der Sache angenommen. „Sorgen habt ihr!“ schimpft ein Mann, grinst dann und kauft den Anstecker.

Potsdam mit seinen heute 136 000 Einwohnern lebte immer im Schatten von Berlin und bildete sich genau darauf etwas ein; es fühlte sich als preußisches Versailles, war etwas Feineres. „Weniger scheinen als sein“, sagen die Potsdamer. Das gilt bis heute, wenn auch die meisten Häuser ihre ehemals glanzvolle Zeit kaum noch erahnen lassen. Ich bin nur Beinahe-Potsdamerin, aufgewachsen in einem kleinen Ort am Rande der Stadt. Zum Einkaufen fuhren wir nach Berlin, dessen Zentrum etwa dreißig Kilometer entfernt ist. Potsdam war den Sonntagen vorbehalten, zum Spaziergang im Park Sanssouci zum Beispiel, verhaßt bei uns Kindern, weil er feingemacht und gesittet vonstatten zu gehen hatte. Spaß machten die Riesenfilzlatschen, mit denen wir durch die königlichen Schloßgemacher schlurften. Interessant fanden wir die Grabplatten, unter denen die Windhunde des Alten Fritz begraben liegen, an deren Seite er selbst im nächsten Jahr endgültig beigesetzt werden soll, wie es sein Wunsch war. Schlosser mit Nebenbauten hat Potsdam genug, sie sind zum Teil stark renovierungsbedurftig. Beim Belvedere helfen großzügige Bayern, für das Chinesische Teehaus spendet Daimler-Benz.

Für meinen Vater war Potsdam steingewordene Geschichte, Anschauungsmaterial für uns Kinder. Das Jagdschloß am Stern und Schloß Sanssouci zum Beispiel als Zeichen dafür, daß der Soldatenkönig und sein Sohn eher bescheiden lebten. Daß es nicht an Geld mangelte, wurde uns im protzigeren Neuen Palais demonstriert. Die großzügige Einwanderungspolitik vergangener Jahrhunderte ist im Hollandischen Viertel, in der Russischen Kolonie, den böhmischen Weberhäuschen festgehalten. Ans stiefelknallende Potsdam erinnern Kasernen und Lazarette – und Bürgerhäuser wie zum Beispiel in der Brandenburger Straße, in die es mich heute eher zieht als in die Schlosser – ich weiß inzwischen, auf welchem Stuhl Stalin bei der Potsdamer Konferenz im Schloß Cecilienhof gesessen hat.

Die Brandenburger Straße, zwischendurch hieß sie Clement-Gottwald-Straße, nennen die Potsdamer „Boulevard“. Er ist die Einkaufsstraße Potsdams. In den Dachstubchen der zweigeschossigen Häuser lebten einst Soldaten: preußische Zwangseinquartierung. Die Fenstergauben erinnern noch daran. Mehr ins Auge fällt heute allerdings das quer über die Straße gespannte Werbetransparent der Commerzbank und die Imbißbuden an jeder Ecke, mit Cola und Doner Kebab. Ein Modeladen wurde umgebaut, im Parterre nur Glas, er paßt nicht recht in die sonst gleichmäßige Hauserzeile. Vorm Warenhaus sitzt eine Gruppe Skinheads. Drinnen werden Weihnachtspyramiden angeboten. Früher waren sie so gut wie nie zu bekommen, jetzt stehen sie unbeachtet herum. Wie jedesmal gehe ich in den Papierwarenladen in der Nähe vom Brandenburger Tor, kaufe Potsdam-Postkarten und einen Potsdam-Kalender. Der Laden hat sich seit meinen Kindheitstagen kaum verändert, er ist seit 58 Jahren in Familienbesitz.

Im „Café Heider“, mit Weihnachtssternen im Fenster, komme ich mit einem Mann ins Gespräch. Worüber reden Potsdamer? Ob der Wiederaufbau der Ende des Krieges durch Bombenangriff zerstörten Garnisonkirche wirklich notig sei, erzahlt er, und daß der Landtag nun doch in den „Kreml“, den ehemaligen Sitz der SED, ziehen wird. Hauptgesprächsthema aber sei der scheußliche Theater-Rohbau; der graue Betonklotz versperre ja allen die Sicht auf die Nikolaikirche und das Alte Rathaus mit goldenem Atlas und Weltkugel: „Wenn ich da langfahre, gucke ich weg, gucke einfach in eine andere Richtung.“ Wie gut. daß Bürgerproteste den Weiterbau erst mal verhindert hatten, meint der Potsdamer.