Der Alltag hat den neuen Hausherrn in Downing Street Nummer 10 schnell eingeholt. Die Wähler in Schottland zeigten sich wenig beeindruckt vom Wechsel an der Spitze der Regierung; bei zwei Nachwahlen fielen die Tories hinter die siegreiche Labour-Partei und die erstarkten schottischen Nationalisten auf den dritten Rang zurück. Die eigene Partei macht John Major allerdings mehr zu schaffen. Mag der neue Premier noch so sehr Einheit predigen, an der Basis hat sich der Aufruhr noch nicht gelegt: Es laufen regelrechte Rachefeldzüge gegen jene Abgeordneten, die sich offen zu Majors Herausforderer Michael Heseltine bekannt hatten.

Schneller als erwartet verpuffte auch die Wirkung seiner Kabinettsumbildung. Major holte keine einzige Frau ins Regierungsteam. Jetzt muß er sich vorhalten lassen, daß seine Vision von einer „offenen, durchlässigen und leistungsorientierten“ Gesellschaft das weibliche Geschlecht nicht mit einbezieht.

Ansonsten hat John Major durchaus geschickt taktiert. Er holte den Rivalen Heseltine in die Regierung zurück, bedachte ihn aber mit einem Posten, der ihm politisch leicht das Genick brechen kann: Als Umweltminister soll er das einstige „gesellschaftspolitische Flaggschiff“ des Thatcherismus, die Gemeindesteuer, abtakeln. Der ehemalige Generalsekretär Kenneth Baker wurde durch Chris Patten ersetzt, der – liberal, integrationsfähig und umweltbewußt – den neuen konservativen Abgeordneten der Post-Thatcher-Ära verkörpert. Mit der Beförderung von Norman Lamont zum Schatzkanzler beruhigte John Major die Europa-Gegner in seiner Partei. Lamont steht Margaret Thatchers Auffassungen nahe; er soll die pro-europäische Linie von Außenminister Hurd ausbalancieren. Insgesamt haben sich, nicht zuletzt durch die Rückkehr Michael Heseltines, die Gewichte zu Ungunsten des rechten Parteiflügels verlagert. J. K.