Von Roland Kirbach

Düsseldorf

Der eine Angeklagte, der 22 Jahre alte Gleisbauer Dirk D., trägt einen Trachtenjanker mit Hirschhornknöpfen, hat dunkle Ringe unter den Augen und blickt ziemlich grimmig drein. Der andere, der 24 Jahre alte Bürokaufmann Claus H., hat schon recht schütteres Haar, trägt einen biederen Altherrenpullover und läuft ständig rot an vor Erregung. Die beiden werden der gemeinschaftlich begangenen, gefährlichen Körperverletzung beschuldigt: Zusammen mit weiteren, nicht ermittelten Tätern sollen sie sich am Nachmittag des 1. April dieses Jahres in ein Düsseldorfer Wäldchen aufgemacht haben, das als „Schwülen-Wäldchen“ bekannt ist. Mit Knüppeln und Dachlatten bewaffnet sind sie, so die Anklage, über zwei Dutzend Männer hergefallen, die sich dort aufhielten, und haben sie zum Teil erheblich verletzt.

Fälle von Gewalt gegen Homosexuelle sind keine Seltenheit. Selten jedoch finden sie ein gerichtliches Nachspiel, denn die Opfer zeigen aus Scham solche Vorfälle in der Regel nicht an. Anders in diesem Fall: Die zusammengeschlagenen Männer erstatteten Anzeige; vor dem Schöffengericht des Düsseldorfer Amtsgerichts kommt es zur Verhandlung. Zehn der Betroffenen sind als Zeugen geladen, von denen drei zugleich als Nebenkläger auftreten.

Was damals im einzelnen geschah, sagen die Angeklagten, wüßten sie nicht mehr genau. Sie seien auf dem Heimweg vom Kegeln und ziemlich betrunken gewesen. Eine Blutprobe ergab in der Tat hohe Alkoholkonzentrationen: 1,39 Promille bei Dirk D. und 1,89 Promille bei Claus H. Durch den Wald seien sie nur gegangen, weil es der kürzeste Weg nach Hause sei. Dirk D. berichtet, er habe mal austreten müssen, als ein Fremder ihn plötzlich „liebkosend“ von hinten angefaßt habe. Da habe er sich umgedreht und den Mann „weggeschubst – kann sein, auch geschlagen“.

Claus H. sagt, er habe „mehrere Nackte und Halbnackte“ auf sich zukommen sehen; da habe er „Panik gekriegt“ und habe „einen, vielleicht zwei Leute geschlagen“. Er wohne nur rund 200 Meter von dem Wäldchen entfernt, fügt er hinzu. Von Kindesbeinen an sei er damit konfrontiert, daß man „da die Homosexuellen entlangspazieren sieht, meistens nackt“. Seine Eltern betreiben dort auch einen Reiterhof; viele der Reiter seien von den Männern im Wald belästigt worden. Man empfinde „die Homosexuellen als Ärgernis“ zu Hause. Das Gericht gibt sich mit diesen Einlassungen zufrieden. Keine Nachfragen zu den weiteren Tätern oder dazu, wie die Angeklagten sich die schweren Verletzungen der Opfer erklären.

Der 24jährige Hans-Joachim B. zum Beispiel erlitt einen Kieferbruch und einen Nasenbeinbruch, mußte stationär in der Kieferklinik und anschließend wochenlang ambulant behandelt werden. Er habe damals an dem Baggersee bei dem Wäldchen in der Sonne gelegen, sagt der Zeuge, als er Schreie hörte und sah, wie eine Gruppe von Männern mit Knüppeln eine andere Gruppe von Männern jagte. Plötzlich habe einer vor ihm gestanden und ihn geschlagen. Wer es war, konnte er nicht mehr genau erkennen, weil dabei auch seine Brille zu Bruch ging. „Sind Sie homosexuell veranlagt?“ fragt Richter Harald Hack. – „Ja“, antwortet der Zeuge.