Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Dezember

Während die Grünen einer tiefen Krise, wenn nicht dem Zerfall entgegentreiben und die Sozialdemokraten schmerzhafte Anläufe zu einem Wechsel an der Spitze unternehmen, muß das Regierungsbündnis zusehen, wie es im Stimmen- und Mandatswohlstand zurechtkommt. Freude und Genugtuung sind offensichtlich, aber es gibt auch Spannungen.

Die dominierende Stellung der Union ist im Westen wie im Osten von den Wählern bestätigt worden. Doch hat auch die FDP in den neuen Bundesländern solide Fuß gefaßt, nicht zu reden von manchem kräftigen Zuwachs in den alten Ländern. Die zweistellige Bilanz, zu der sich das Votum hier wie dort für die Liberalen addiert, hat ihren eigenen Zauber – und für die CDU/CSU einen ärgerlichen Akzent.

Das Einheitsthema, ein darüber zu großer Statur erblühter Kanzler, die in der alten Bundesrepublik boomende Wirtschaft – was denn, so grollten viele Christdemokraten, hätte eigentlich noch hinzukommen müssen, damit die Union am vergangenen Sonntag nicht bei dem Ergebnis von 1987 stehengeblieben wäre? Damals wurde das Wahlresultat als das schlechteste der Union seit 1949 registriert. Helmut Kohl brauchte lange, um mit seiner Enttäuschung fertig zu werden.

Jetzt hingegen strahlt der Kanzler. Auch wenn die Freien Demokraten den zuletzt erbitterten Zweitstimmen-Krieg mit der Union und die Binnenwanderung in der Koalition für sich entschieden haben, unter dem Strich sind sie an den großen Bündnispartner gebunden. Die Mandatsverhältnisse erlauben weder eine sozial-liberale Allianz noch eine rot-gelb-grüne Ampelkoalition. Mehr noch: Auch für sich allein stellt die CDU seit langer Zeit wieder die meisten Abgeordneten – so viele, daß sie zur Not sogar auf die CSU verzichten und allein mit der FDP eine Regierungsmehrheit zustande bringen könnte – knapp zwar, aber immerhin. Diese Besonderheit hat für den Fall der Fälle immerhin den Nutzen eines unionsinternen Folterwerkzeugs.

Die strategische Position der CDU ist überragend. Was Wunder, wenn sie davon spricht, daß die Wähler das bürgerliche Bündnis „geradezu zur Stabilität verdammt“ hätten, und wenn der Historiker Kohl das Sonntagsresultat gegenüber allen Enttäuschten elegant-beschönigend als das beste Ergebnis für eine Partei feiert, seit es in Deutschland überhaupt demokratische Wahlen gebe.