Sollten die Deutschen wieder Waffen tragen? Ein ehemaliger General der Wehrmacht brach eine Lanze für deutsche Streitkräfte in neuem Geist

Seit Monaten streiten wir uns, ob wir unser Land verteidigen oder ob wir wehrlos zusehen sollen für den Fall, daß es einem Angreifer in den Sinn kommt, über unsere Grenzen einzubrechen, um uns Frau und Kinder, Freiheit und Wohlstand zu rauben. Und bei fast allen Auseinandersetzungen für und wider eine deutsche Verteidigungstruppe tun wir so, als handele es sich einfach darum, diese neue Truppe in den alten Formen und im alten Geist von Reichswehr oder Wehrmacht auferstehen zu lassen. Gerade das wollen wir aber um keinen Preis. Wir stehen vor einer ähnlichen revolutionären Aufgabe wie Scharnhorst und Boyen vor rund 150 Jahren.

Erstens müßten die Männer der neuen Armee von der Spitze bis zum breiten Fundament aus innerer Uberzeugung den demokratischen, sozialen Staat bejahen. Kein Lippenbekenntnis! Daran krankte die Reichswehr von Anfang an, daß sie die Weimarer Republik innerlich ablehnte. Sie war stolz darauf, „unpolitisch“ zu sein. Das war ihr Fehler. Daher kam es, daß sie zu einem Staat im Staate wurde, abgeschnürt vom Volk. Der neue deutsche Soldat müßte politisch sein: ein Bürger-Soldat, der weiß, daß die Form der Demokratie trotz all ihrer Mängel und Schwerfälligkeit immer noch besser ist als ein totalitärer Führerstaat, der zur Unterdrückung und zum Terror führen muß.

Das setzt freilich eine viel gründlichere politische Erziehung voraus. Und der Offizier würde dann mehr als ein Ausbilder im Waffenhandwerk sein müssen. Er müßte Erzieher seiner Männer sein, die er zum eigenen Denken weckt. Dabei sei die Schwierigkeit zugegeben, daß der soldatischen Denkwelt die demokratische Form der Meinungsbildung fremd ist, weil die Disziplin jeden Heeres auf Befehlen und Gehorchen beruht.

Zweitens meine ich, daß das Berufssoldatentum zugunsten des Milizsystems eingeschränkt werden müßte. Wir könnten dabei von der Schweiz lernen, die heute das beste Heer Europas hat. Das Soldatenhandwerk, auch in den technischen Waffen, in der Panzer-, Flieger-, Nachrichtentruppe, ist in wenigen Jahren gelernt. Die überwiegende Zahl der Offiziere im letzten Weltkrieg, in den USA, in Großbritannien und bei uns, waren keine Berufsoffiziere. Wer aus der freien Wirtschaft kommt, ist aufgeschlossener und trägt frische Luft in die Kaserne. Dagegen hat ein junger Mensch einseitig werden müssen, wenn man ihn vom zwanzigsten Jahr an in die festbesoldete und enge Stellung eines Berufsoffiziers zwängte.

Auch die wenigen Berufsoffiziere, die man für die Kader und für die Planung braucht, sollten sich für einen zivilen Beruf ausbilden und darin für längere Zeit arbeiten. Sie würden dann das Geldverdienen lernen und sich im Wettbewerb bewähren können. Das macht selbständig und selbstbewußt. Wer einen Zivilberuf hinter sich hat, ist als Untergebener wirtschaftlich unabhängig, er kann freier, aufrechter gegenüber dem Vorgesetzten seine Meinung äußern, und so wird verhindert, daß das militärische Führerkorps eine lebensfremde Kaste wird und daß der „Soldat“ sich einbilden könnte, der „erste Mann im Staate“ zu sein.

Drittens wären auch die Formen zu überprüfen. Wir müßten viele alte Zöpfe abschneiden, die in die Zeit der Düsenjäger, Raketengeschosse und des Radar nicht mehr passen: das Hackenklappen, die greuliche Anrede in der dritten Person, das Griffeklopfen und den Exerziermarsch, überhaupt den geisttötenden Kasernenhofdrill und den Unteroffizierston. Es soll nichts gegen die Unteroffiziere im ganzen gesagt werden; sie waren in ihrer Mehrzahl tüchtige, pflichttreue Männer. Aber es droht in jeder Armee die Gefahr, daß ein kleiner Mann seine Macht als Vorgesetzter gerade diejenigen spüren läßt, deren innere Überlegenheit er fühlt.

Kann diesen Auswüchsen vorgebeugt werden? Ja! Wenn der Vorgesetzte diese Gefahr sieht, wenn er kraft seiner überlegenen Persönlichkeit und seiner Lebenserfahrung das unmittelbare Vertrauen seiner Männer gewinnt, kurz, wenn er nicht nur militärischer Vorgesetzter, sondern auch menschlicher Führer ist. Uniform werde nur im Dienst getragen. Die echte innere Autorität beruht nicht auf der Uniform. Und wer als Vorgesetzter sich nur durch äußere Form, durch Gradabzeichen durchsetzten kann, ist fehl am Platze, (gekürzt) Robert Knauß