Management

Von Karl-Heinz Büschemann

Wann ist es für den Chef eines Großunternehmens ratsam, seinen Posten vorzeitig zu verlassen? Manch ein Topmanager wirft das Handtuch, wenn er Fehlentscheidungen getroffen hat und es deshalb mit der Firma bergab geht. Einen ganz anderen Grund zum Rücktritt vor Auslaufen seines Chefvertrages hat Wolfgang Schieren, der Vorstandsvorsitzende des Münchner Versicherungsriesen Allianz AG: Der 63jährige wird im Oktober nächsten Jahres, neun Monate früher als geplant, seinen Schreibtisch räumen, weil es dem Unternehmen ausgezeichnet geht. Besser – darin sind sich die Experten einig – kann es nicht mehr werden.

Nur so ist zu erklären, warum ausgerechnet der so macht- und prestigebewußte Schieren jetzt schon bekanntgegeben hat, daß er den Stab an den heute 51jährigen Friedrich Schiefer übergeben wird, der 1984 von der Unternehmensberatungsgesellschaft McKinsey zur Allianz geholt wurde und ihr seither als Finanzchef dient. Wolfgang Schieren weiß, daß er jetzt im Zenit steht: Die gesamte Managerwelt schaut mit Respekt auf diesen so zurückhaltenden Mann, einen gebürtigen Rheinländer, der nach Studium und Promotion 1954 zur Allianz kam, wo er sein frühes Geld als Außendienstler in der Eifel verdiente. Doch Schieren wird nicht nur bewundert, weil er vom kleinen Versicherungsvertreter bis zum ersten Mann im Konzern aufstieg und die Spitze der Karriereleiter im Alter von erst 44 Jahren erklomm. Schieren zog in seiner fast zwei Jahrzehnte währenden Chefzeit vor allem auch deshalb Anerkennung und Neid auf sich, weil er den Münchner Konzern zum mit Abstand größten europäischen Versicherungsunternehmen machte und in der Welt sogar zur Nummer sechs.

Schieren verachtfachte das Prämienaufkommen der Allianz auf eine stolze Summe von 32 Milliarden Mark im Jahr. Durch spektakuläre Aufkäufe ausländischer Assekuranz-Unternehmen in den achtziger Jahren baute er die Allianz zu einem Konzern aus, der so international arbeitet wie kein anderer in der Branche. Nur 2,7 Prozent ihrer Prämien holte die Allianz aus dem Ausland, als Schieren den Chefposten im unscheinbaren Verwaltungsbau an der Königinstraße beim Englischen Garten in München übernahm: Heute macht die „Königin“ der deutschen Versicherer 44 Prozent ihres Geschäfts im Ausland. Die Allianz ist in Frankreich wie in Italien, in Spanien oder in Großbritannien vertreten, aber auch in Indonesien und in den Vereinigten Staaten, wo Schieren erst kürzlich für die stolze Summe von 5,3 Milliarden Mark den Sachversicherer Firemen’s Fund kaufte. Wolfgang Schieren, der so öffentlichkeitsscheu ist wie kaum ein anderer deutscher Manager in vergleichbarer Position, avancierte zum Wundermann der deutschen Wirtschaftspresse. Für das Manager-Magazin ist er einfach „der stille Triumphator“.

Gleichwohl beschert der erfolgreiche Stratege seinem Nachfolger nicht nur rosige Aussichten: Für Friedrich Schiefer gilt es nun, die vielen Zukaufe in den Konzern einzupassen – und das wird kein leichtes Unterfangen. Und: Der neue Mann wird sich damit abfinden müssen, daß in den kommenden Geschäftsjahren die Zahlen der Allianz, die für 1989 mit 1,2 Milliarden Mark einen Rekordgewinn vorlegte, nicht mehr ganz so hochglänzend sein werden.