Die Prager Reformer haben gute Chancen für einen Wirtschaftsaufschwung

Von Jiří Kosta

Ähnlich wie in allen ehemals kommunistisch regierten Ländern hat auch in der Tschechoslowakei das Plankommando zum Niedergang dieser einst so erfolgreichen Volkswirtschaft geführt. Böhmen und Mähren hatten seit der Habsburger Monarchie bis in die Erste Republik (1918 bis 1938) hinein zu den fortgeschrittenen Industrieregionen Mitteleuropas gezählt. Vier Jahrzehnte Befehlswirtschaft brachten nicht nur einen rückläufigen Wachstumstrend (siehe Graphik); viel schlimmer ist der damit verbundene Strukturwandel: Der Schwermaschinenbau – besonders die Rüstungsproduktion – wucherte zu Lasten der Konsumgüterindustrie, vor allem aber der Infrastruktur und der Umwelt.

Dennoch: Unter Blinden ist der Einäugige König. Verglichen mit den übrigen ehemaligen Ostblockländern (die DDR ist ein Sonderfall), ist die Ausgangslage der CSFR-Wirtschaft nach der sanften Revolution vor einem Jahr relativ gut. Die Mangelwirtschaft hatte bei weitem nicht dieselben Ausmaße erreicht wie in Polen, Rumänien oder gar der Sowjetunion. Die Verschuldung in Hartwährungen blieb erträglich, in krassem Gegensatz zu Polen und Ungarn; die Versorgung war durch Engpässe gekennzeichnet, aber doch besser als anderswo; und letztlich war der Lebensstandard immer noch im großen und ganzen erträglich. Wenn Experten in den wirtschaftswissenschaftlichen Instituten von Prag und Preßburg jahrelang für echte Reformen plädierten, so geschah dies aus Sorge wegen der unaufhaltsam wachsenden Hypotheken auf die Zukunft: der Überalterung des Produktionsapparates, der ökologischen Krise, des veralteten Wohnungsbestands, des maroden Verkehrsnetzes und der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen.

Entwürfe und Diskussionen

Nach der politischen Wende waren die radikalen Reformökonomen – allen voran die Mitarbeiter des von Valtr Komärek geführten Prognose-Instituts der Akademie der Wissenschaften – mit ihren wirtschaftspolitischen Entwürfen bereits präsent. Eine im Dezember 1989 fertiggestellte Studie der in diesem Institut beheimateten Fachleute skizzierte Wege und Ziele eines systemverändernden Reformkurses: die Ablösung der Planwirtschaft durch eine marktwirtschaftliche Ordnung in der MikroÖkonomie, eine auf Ressourceneinsparung, Welthandel und nicht zuletzt auf Steigerung des Lebensstandards orientierte Strukturpolitik und eine restriktive Geld- und Fiskalpolitik. Gleichzeitig forderte der Entwurf eine entsprechende Sozialpolitik, Veränderungen in den staatlichen Institutionen und eine Option für die Privatwirtschaft vor allem im Kleingewerbe.

Im Laufe der ersten Monate dieses Jahres setzte dann unter den tschechoslowakischen Ökonomen – mit Beteiligung vieler von den Kommunisten mit Berufsverbot belegter Wirtschaftler – eine kontroverse Diskussion über den konkreten Weg des Übergangs zu der allseits befürworteten Marktwirtschaft ein. In der teils öffentlich, teils hinter verschlossenen Türen in Beratergremien laufenden Debatte hat sich ein radikalmarktwirtschaftliches Reformkonzept durchgesetzt, das seinen Niederschlag zunächst in einem Gesetzespaket vom April 1990 gefunden hat, seine definitive Gestalt jedoch im sogenannten „Szenarium der Wirtschaftsreform“ vom 30. August 1990 erhielt.