Diese merkwürdigen, ungeduldigen, hochmütigen, diese gefühlsseligen, der Wirklichkeit ausweichenden Wunschbilder! Alle Vergleiche, die man bemüht, um die Ausschweifungen begreiflich zu machen, bleiben blasser als das Original: In Berlin und anderswo melden sich, kaum daß das rüde SED-Regime gestürzt ist, Propagandisten für den Wiederaufbau des Hohenzollern-Schlosses auf der Spreeinsel. Und schon finden sich in unseren feinen Gazetten dergleichen Empfehlungen. Die Restauration ist wieder wach.

Nun ließe sich, wenn ringsrum alles einigermaßen in Ordnung wäre, sehr gut darüber streiten, ob derlei richtig oder gar notwendig sei, ob die Berliner und die Potsdamer ihre Stadt-Schlösser zurückerhalten müßten, damit ihr Seelenheil und das demolierte alte Bild ihrer Städte wiederhergestellt werden. Und gewiß ist es dann und wann tunlich, wenn nicht lebenswichtig, nach den Sternen zu greifen und das Utopische zu beschwören.

Aber hier? Und jetzt? Umgeben von einem gespenstischen Verfalls-Szenarium all überall zwischen Stralsund und Suhl? Dessen gewiß, daß es viele Jahre, ach, Jahrzehnte braucht, die kaputtgewohnten, mit Neubauten brachial ramponierten Städte allesamt erst einmal wieder bewohnbar zu machen? Packt nicht jeden, der sich in Greifswald oder Leipzig oder Halle oder Ballenstadt am Harz oder sonstwo umgesehen hat, Entsetzen über das Ausmaß des Verfalls, dem unzählige Häuser, ganze Straßen, ja ganze Stadtbezirke ausgesetzt waren und es immer noch sind? Fehlt es denn nicht schon am Geld für die einfachsten Sachen, für Ziegelsteine, Dachpappe, Kalk und Zement, an Sand und Holz? Und an Handwerkern, die (noch) wissen, wie damit umzugehen sei? Und an Architekten, die (noch) welche sind? Und an Stadtplanern, die mit dem Übermaß des Mangels (auch an Fähigkeiten) und der Übermacht des großen Kapitals (schon) zurechtkommen? Wird also nicht alle Aufmerksamkeit – und alles Geld aus Staats-, Landes-, Gemeindekassen, Geld von Stiftern und Spendern – auf lange, lange Zeit dafür gebraucht, die verrotteten, entstellten, die Gesundheit gefährdenden Städte zurückzuverwandeln: in menschenwürdigen Lebensraum?

Doch das ermüdet die Träumer: grauer Alltag. Und so beschloß der Potsdamer Stadtrat, die Garnisonskirche am alten Platz, wo nun ein anderes Gebäude steht, wieder zu errichten – obwohl nebenan das Holländische Viertel noch lange nicht gerettet ist, obwohl der Gemeinde der (von Friedrich Wilhelm IV., Persius und Stüler entworfenen) Friedenskirche das Geld fehlt, um das Dach zu dichten, zu schweigen von den fünf Millionen Mark, die sie für die Restaurierung veranschlagt. In Dresden stehen ja nicht nur Schloß und Taschenbergpalast auf der Wiederaufbauliste, sondern die ganze zerklüftete Stadt, die neu alte Stadt und die alte Neustadt – doch statt dessen legen sich die Emsigsten für die Frauenkirche ins Zeug. In Ostberlin ist der Zustand ausgedehnter Stadtbezirke (ebenso wie in Leipzig, Halle, Magdeburg, in Greifswald und überall) deprimierend schlecht – es hinderte die Phantasten, die Romantiker, die frivolen Wolkenschieber nicht, nach dem Abriß des (wunderbarerweise asbestverseuchten) Palastes der Republik und nach dem Neubau des Hohenzollern-Schlosses zu schreien.

Gewöhnlich lassen sie dann das Stichwort Polen fallen – einen ganz und gar untauglichen Vergleich: Polen war viermal aus den Landkarten gestrichen; nach der furchtbaren Demütigung im Zweiten Weltkrieg zwang es sein nationales Selbstbewußtsein, die neue Existenz in den Zeichen der vernichteten Geschichte, in Schloß und Altstadt, zu bekräftigen – das ist kein Motiv, das für Garnisonskirche, Frauenkirche, Berliner oder Potsdamer Schloß auch nur andeutungsweise Gültigkeit hätte. Hier sind es viel banalere Bedürfnisse: den Krieg zu kaschieren, die Gegenwart und ihre Architektur zu umgehen, die Lücken des Städtebaus mit historischen Rückgriffen zu stopfen und zu korrigieren. Sie haben stets den Louvre im Sinn, das Centre Pompidou natürlich nicht. So haben es Frankfurt am Main und Hildesheim getan, demnächst tut es Braunschweig, warum nicht Potsdam und Berlin.

Schinkel, den sie alle gern im Munde führen, hat gesagt: „Überall ist man da nur wahrhaft lebendig, wo man Neues schafft.“ Manfred Sack