Und so wurde Andreas König von Neapel. Eine tolle Geschichte, ein toller Knabe. Manchem von uns Jüngeren, die wir in den süßen Sechzigern alphabetisiert wurden, mag er wohl aus dem Lesebuch noch in Erinnerung sein: der junge Hamburger Segeltuchflicker Andreas, den es an Bord der Kleinen Liebe in den Süden Italiens verschlug, wo er binnen vierzehn Tagen eine atemberaubende Karriere machte.

"Si und io oder Die schönen Tage von Neapel" heißt diese herrliche Schnurre von James Krüss, und der Titel zitiert schon den bizarren Witz der Geschichte. Seemann Andreas kann nämlich, wie wir alle, nur 2 Worte Italienisch: si und io, "ja" und "ich". Mitten in den Wirren um die neapolitanische Thronfolge nun – der alte König ist gestorben, der Erbprinz bleibt unauffindbar – drängt er sich munter durch die Straßen, ruft immer si und io, und da er ganz und gar nicht versteht, was ihn die Leute fragen, und er per Zufall stets im richtigen Moment si oder io kräht, nimmt die Komödie ihren Lauf. Man hält ihn für den legitimen Thronerben, was er, ohne es zu wissen, fröhlich bestätigt: ",Si, io!‘ rief Andreas und stieg unter dem Jubelgeschrei des Volkes in die Kutsche ein, die ihn unverzüglich auf das Schloß brachte."

Am Wahlabend fiel sie mir wieder ein, diese Fabel von der Chance des Augenblicks, vom Politiker im Glück. Da fiel mir Andreas wieder ein – als er sich feiern ließ: Helmut K., König von Deutschland.

Si und io hatte er nur gerufen, egal, was man ihn fragte, einen ganzen Wahlkampf lang. Und wenn jemand kam und Sorgen hatte und Zweifel, wie das denn gehen soll: Ausgleich mit dem Osten, aber keine neuen Steuern, Rettung der Restnatur, aber Wachstum, Hilfe für die Armen des Südens, aber über fünfzig Milliarden Mark für die Bundeswehr ... dann verstand er nix und lachte gut gelaunt und meinte munter: "Gemeinsam schaffen wir’s!"

Nun will ich nicht vergessen, daß der Andreas in James Krüss’ Geschichte auf seinem Weg nach oben auch noch ein paar Trümpfe im Ärmel hatte. Oder, genauer, in seinem Seesack: einen Elfenbein-Elephanten aus Indien, eine Nußschalen-Kette von Jamaika, eine Ebenholz-Sphinx aus Ägypten ... Den größten Eindruck aber machte er auf die Neapolitaner mit einer Matrosenpuppe aus Hamburg, die "ahoi" sagte, wenn man ihr auf den Bauch drückte.

Ja, so hat auch unser Kanzler auf den Marktplätzen der Republik seinen Seesack ausgeschüttet. (Und selbst allerkritischste Kritiker halten ihm zwei außerordentliche Taten zugute: die Abschaffung der Konfessionsschule in Rheinland-Pfalz und die – vorläufige? – Ausschaltung der Vertriebenenverbände aus dem politischen Geschehen.) Doch das Tollste, Kohls Matrosenpuppe sozusagen, ist und bleibt ganz klar "Die deutsche Einheit". Der konnte er in den letzten Wochen gar nicht oft genug auf den Bauch drücken, und seine Widersacher ergilbten jedesmal vor Neid, wenn sie dieses "Ahoi!" auch nur von weitem hörten.

Aber seltsam, schon stehen da welche und prophezeien: Das nimmt ein böses Ende – zum Schluß wird alles über ihm, über uns zusammenbrechen. Und dann ist’s gut aussitzen! Nun, so reden die Älteren, welche die dicken Chroniken des Club of Rome studiert haben und Günther Anders und Erwin Chargaff lesen. Wir Jüngeren jedoch, die wir unseren James Krüss kennen, wir wissen: Alles wird gut. Eines Tages, genau im richtigen Moment, kommt der richtige König wieder – und Helmut K. kehrt fröhlich und gut gelaunt zurück nach Oggersheim. Wie Andreas: "Bald darauf segelten sie ins offene Meer hinaus, und Andreas fing wie gewöhnlich an, ein Segeltuch zu flicken, das beim Verladen beschädigt worden war. Als ein Matrose ihm erzählte, daß die ganze Mannschaft zum Bankett beim König gewesen war, fing Andreas schrecklich zu lachen an und konnte sich gar nicht beruhigen. ‚Was hast du denn?‘ fragte der Matrose. "Stell dir vor!’ rief Andreas. ‚Eben merke ich, daß ich König von Neapel war!‘" Benedikt Erenz