Von Christoph Schrader

Jahrtausendelang gab es nur einen einzigen Weg, schwanger zu werden.“ Wer diesen banalen Satz zu Papier bringt, dem ist gewöhnlich Aufmerksamkeit gewiß: Seit einigen Jahren werden die neuesten „gynäkologischen Meisterleistungen“ auf dem Gebiet des Kinderkriegens so vermeldet. Diesmal stammt der Satz aus einem Leitartikel der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift New England Journal of Medicine vom 25. Oktober 1990: Ärzte in Los Angeles haben Frauen geholfen, eine natürliche Grenze des Kinderkriegens zu überspringen – die Menopause.

Die Funktion der Eierstöcke und die Menstruation setzen bei Frauen im Durchschnitt mit etwa 51 Jahren endgültig aus. Bei jeder zehnten Frau beginnt die Menopause aber schon vor dem vierzigsten Lebensjahr. Bisher waren Mediziner hilflos, wenn diese Frauen noch Kinder wollten. Mark Sauer und zwei Kollegen von der University of Southern California haben jetzt versucht, sieben Frauen zwischen 40 und 44 Jahren ihren Wunsch trotz verfrühter Menopause zu erfüllen – mit Erfolg. Sechs der sieben wurden schwanger, vier brachten per Kaiserschnitt gesunde Kinder zur Welt. Eine Schwangerschaft endete durch Fehlgeburt, ein Kind wurde tot geboren.

Die glücklichen Mütter sind mit ihren Kindern aber nicht verwandt – genetisch gesehen: Die Eizellen stammten von jüngeren Frauen, sie wurden in der Retorte mit dem Samen der Ehemänner der Empfängerinnen befruchtet und durch Embryo-Transfer in die Gebärmutter eingepflanzt. Vorher war der Zyklus von Sauers Patientinnen durch Hormongaben mit dem der Spenderinnen synchronisiert worden. Mit gonadotropen Hormonen bereiteten die Mediziner die Gebärmutterschleimhaut für die Einnistung des befruchteten Eis vor. Schließlich erhielten die Schwangeren noch für weitere hundert Tage Östrogen-Gestagen-Hormon-Präparate.

Die kalifornischen Reproduktionsmediziner wollten mit ihrem Versuch angeblich nur eine Fachfrage klären: Liegt die Ursache für die Unfruchtbarkeit älterer Frauen im Alter ihrer Eizellen, oder kann die Gebärmutter eine befruchtete Eizelle nicht mehr aufnehmen? Die vorläufige Antwort: Die Eier sind zu alt. Bei Frauen vor der Menopause werden die gonadotropen Hormone noch produziert, danach kann der hilfreiche Arzt der Gebärmutter mit Hormonen von außen auf die Sprünge helfen. Einem eventuellen Vorwurf, dem medizinischen Machbarkeitswahn erlegen zu sein, begegnen Sauer und seine Kollegen mit dem Hinweis auf die Hilfe für leidende Patienten: „Es erscheint gerechtfertigt, daß auch Frauen ohne funktionierende Eierstöcke die Chance bekommen, eine Schwangerschaft zu erleben.“

Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis dieser Weg konsequent zu Ende gegangen werden kann. Seit längerem experimentieren Ärzte in Australien mit dem Einfrieren unbefruchteter Eizellen, die später aufgetaut und erst dann befruchtet und eingepflanzt werden. Wenn Mediziner diese Technik perfektioniert haben, könnten Frauen etwa mit 25 ihre Eier einfrieren lassen, sie mit 40 oder 50 auftauen, mit dem Samen ihres Partners befruchten lassen und das Kind austragen. Schwangerschaft zur freien Verfügung.

Doch in der schönen neuen Welt gelten die alten medizinischen Erfahrungen: Frauen, die ihre Kinder erst spät bekommen, gehen bei der Geburt ein höheres Risiko ein. Wenn die Mutter bei der Geburt vierzig ist, werden 9,1 von 1000 Säuglingen tot geboren; die Vergleichszahl für Dreißigjährige ist 3,3. Die Geburt dauert im Mittel länger oder verzögert sich. In vielen Fällen ist ein Kaiserschnitt notwendig, an dem die Frau in drei von tausend Fällen stirbt. Und auch das sonstige Risiko nimmt zu: Pro 100 000 Geborenen sterben 1,8 Frauen zwischen 25 und 30 Jahren bei der Geburt, aber 18,1 zwischen 35 und 40 Jahren.