Hamburg

Wenn am Sonntag um 11.55 der Flug SU-710 von Frankfurt aus in Richtung Kiew startet, dann ist ein Geschenk aus Hamburg mit an Bord: Ein etwa 30 000 Mark teures Ultraschallgerät für das Kinderkrankenhaus Nr. 2 in der ukrainischen Hauptstadt, in dem vor allem Opfer der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl behandelt werden. Gespendet wurde das Diagnose-Instrument von einer privaten Initiative, die das nötige Geld mit einer kleinen, aber spektakulären Aktion gesammelt hatte, mit einem mehrtägigen Nonstoplauf um die Hamburger Binnenalster.

Die Idee des „Staffellaufs für die Kinder von Tschernobyl“ kam dem Philosophiestudenten Martin Moritz beim Radiohören. Da wurde im August über eine Aktion des „Schweigekreises Bergstedt“ für die Kinder in der strahlenverseuchten sowjetischen Region berichtet. Der „Schweigekreis“ hatte sich nach dem Reaktorunglück gebildet und macht seitdem durch Mahnwachen auf die Gefahren der Atomenergie aufmerksam. Zweimal im Monat stellt sich eine Gruppe von Frauen eine Stunde lang auf den vornehmen Jungfernstieg und schweigt. „Wir wollen das Bewußtsein am Köcheln halten und außerdem gegen das Vergessen der Opfer demonstrieren“, sagt Gerda Wilke.

Im Sommer hatte der „Schweigekreis“ deshalb auch für die Kinder von Tschernobyl gesammelt; 22 000 Mark kamen zusammen. Von dem Geld wurden Medikamente gekauft. Ein Mitglied der Gruppe brachte die Arzneimittel nach Kiew, knüpfte dort Kontakte zu Ärzten und berichtete – wieder zu Hause – von der großen Not in dem Kinderkrankenhaus. Vor allem fehle dort ein Ultraschallgerät.

Da müßte man doch etwas machen können, dachte Martin Moritz vor seinem Radiogerät, mobilisierte zehn Freunde, tat sich mit den Frauen vom „Schweigekreis“ zusammen, und am 2. November um 12 Uhr ging es los. Der Start war am Jungfernstieg in der Hamburger Innenstadt: „Wir laufen so lange, bis wir wenigstens 30 000 Mark für ein Ultraschallgerät gesammelt haben“, wurden neugierige Passanten aufgeklärt.

In drei Schichten umkreisten die Läufer Stunde um Stunde die Binnenalster und reichten den neonleuchtenden Staffelstab nach jeder 1,7 Kilometer langen Runde an den nächsten weiter. Tagsüber war das kein Problem: „Viele Leute entschlossen sich spontan, eine Runde zu übernehmen“, sagt Susanne Roloff. Aber nachts! „Einmal mußten wir zu viert acht Stunden durchhalten“, berichtet Martin Moritz, „das war hart.“

Die Reaktionen der Hamburger waren zwiespältig. Ungern erinnert sich Gerda Wilke an eine fünfköpfige Familie: „Die haben mich stundenlang mit Fragen gelöchert.“ Ausführlich und geduldig gab sie erschöpfend Auskünfte, bis endlich der Familienvater generös seine Geldbörse zückte und ganze fünfzig Pfennig in die Sammelbüchse warf. „Da habe ich mich strahlend bedankt.“ Voller Bewunderung spricht die 73jährige dagegen von einem Rentnerpaar, das tausend Mark spendete.