Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Dezember

Wie ein angeschlagener Boxer stand Walter Momper in der Wahlnacht unter seinen Genossen und vor den Kameras: Schwankend die kräftige Statur, verlangsamt die Sprache, gequält das Lächeln – die Enttäuschung war ihm ins Gesicht geschrieben. Noch wenige Tage vor der Wahl hatte er vor dem Hintergrund der zerbrochenen rot-grünen Koalition gemeint, er werde nun eben allein um die absolute Mehrheit kämpfen. Und dann dieser Einbruch. In Westberlin, wo CDU und SPD vor 22 Monaten noch gleichauf gelegen hatten, ein Abstand von fast zwanzig Prozent. In Ostberlin ist das Resultat zwar deutlich besser, aber es gibt nur den neuen Genossen Auftrieb, die nun mitreden wollen. Und beide Ergebnisse zusammen lassen der CDU in ganz Berlin immer noch zehn Prozent Vorsprung. In der großen Koalition, die unausweichlich ist, wird die SPD zum Juniorpartner.

"Das hat er nicht verdient", sagt Wirtschaftssenator Peter Mitzscherling. "Dieses Ergebnis ist ganz böse für Momper. Das ist ein Erdrutsch. Die Wähler haben das rot-grüne Bündnis nicht akzeptiert, und dabei ging es eher um die Inhalte der Politik als um ihr Erscheinungsbild. Das ständige buntscheckige Diskutieren paßte nicht in diese Umbruchzeit; da suchen die Menschen Stetigkeit, Ruhe und Harmonie." Das trifft den Nagel genau auf den Kopf. Nicht Eberhard Diepgen, der im Januar 1989 eine ebensolche Niederlage erfahren hatte und seitdem ziemlich kraftlos wirkte, haben die Berliner gewählt. Die ungeliebte rot-grüne Koalition und ihre Exponenten wurden abgewählt.

Der Einbruch geschah in Westberlin, wo nur ein einziger Wahlkreis an die Sozialdemokraten ging, während die SPD in Ostberlin 36 von 49 Wahlkreisen eroberte. Selbst prominente Genossen wie Parteichef Hans-Jochen Vogel, Ex-Bürgermeister Dietrich Stobbe, Ex-Landesvorsitzender Jürgen Egert und andere Lokalgrößen errangen kein Westberliner Direktmandat für den Bundestag. Walter Momper sieht dies als "bittere Niederlage für mich persönlich". Er hatte sich nun einmal auf die Koalition mit der Alternativen Liste eingelassen, getrieben von einer linken Basis, deren Vertreter noch nach der Wahlschlappe im Landesausschuß meinten, man sei vielleicht doch zu hart mit der AL umgesprungen. Momper kannte die innere Zerrissenheit und die Entscheidungsschwäche seines Koalitionspartners; dennoch nahm er in der Koalitionsvereinbarung unscharfe Formulierungen zur Gewaltfrage hin, an denen die Koalition schließlich zerbrach – an der Sollbruchstelle.

Er ist deshalb kein unschuldiges Opfer. Momper ist eben ein Pragmatiker für den politischen Alltag. Da zeigt er Härte und Durchsetzungsvermögen. Ein vorausschauender Politiker, wie ihn Berlin jetzt braucht, ein strategischer Kopf ist er nicht. Sein Wahlsieg vor knapp zwei Jahren hat ihn ebenso überrascht wie jetzt die Niederlage. Die Wiedervereinigung hat ihn ebenso auf dem falschen Bein erwischt wie die plötzlich aufflackernde Hauptstadtdebatte, die er anfangs noch für Deutschtümelei hielt. Vielleicht wird er lieber SPD-Fraktionschef denn Senator unter Eberhard Diepgen werden wollen.

Und noch etwas. In Wahlkreisen mit überdurchschnittlichen CDU-Anteilen hat die SPD rund sieben Prozent ihrer Wähler verloren, in ihren eigenen Hochburgen aber bis zu siebzehn Prozent. Das könnte darauf hindeuten, daß die Partei sich vor allem ihren Stammwählern entfremdet hat. Die Liaison mit einem so unberechenbaren Partner wie der AL paßte nicht ins Bild einer traditions- und pflichtbewußten Sozialdemokratie. Die Genossen, die in der Wahlnacht im Januar 1989 jubelnd "rot-grün, rot-grün" skandierten, hatten sich schon damals von der Stimmung vieler Wähler weit entfernt.