Börsenberichte in den Vereinigten Staaten beschränken sich längst nicht auf die schlichte Wiedergabe der aktuellen Kurse: Mindestens ebenso wichtig ist für Anleger und Spekulanten der Umsatz, bei dem die Kurse zustande kommen. Schließlich gibt nur der Umsatz Auskunft darüber, welche „Kraft“ hinter einer Kursbewegung steht und wie sich die breite Masse der Anleger beim aktuellen Kursniveau verhält. Nicht umsonst wird der Umsatz oftmals auch als Motor bezeichnet, der die Kurse antreibt.

Hierzulande indes werden Umsatzdaten – so sie überhaupt genannt werden – weitgehend ignoriert. Vielmehr messen Anleger dem Kursverlauf mehr Bedeutung zu und verbringen ihre Zeit mit dem Studium von sogenannten „Charts“. Auch den meisten in Deutschland entwickelten Computerprogrammen zur Aktienanalyse sind die Umsatzzahlen ein Fremdwort. Inzwischen beginnt sich hier allerdings eine Wende abzuzeichnen. Nachdem die Umsatzanalyse der vornehmlich aus den Vereinigten Staaten importierten Programme überraschend große Erfolge zeigt, werden Umsatzzahlen zunehmend auch in die deutschen Börsenprogramme integriert – wobei dies momentan freilich oft auf die reine Darstellung der Umsatzgraphiken beschränkt bleibt.

Eigentlich ist gerade die Umsatzanalyse eine sehr logische Methode. Sie basiert auf einer Grundregel, die so alt ist wie die Börse selbst: „Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.“ Übersteigt die Nachfrage nach einer Aktie das vorhandene Angebot, muß der Kurs des Papiers steigen bis entweder ein Rückgang der Nachfrage einsetzt oder aber das Angebot entsprechend wächst. Umgekehrt sorgt ein Angebotsuberhang so lange für fallende Kurse, bis auf dem niedrigeren Niveau entweder das Verkaufsangebot geringer wird oder aber die Nachfrage steigt. Ein Trend hält dabei so lange an, wie sich am Verhältnis von Angebot und Nachfrage nichts ändert.

Entscheidend für die Kursentwicklung ist die Basis eines Trends. Und hier stellt die Umsatzentwicklung einen entscheidenden Indikator dar: Nur wenn ein Kursanstieg auch von steigenden Umsätzen begleitet wird, handelt es sich um eine „gesunde“ Hausse. Der Grund ist einfach: Nachdem steigende Kurse zwangsläufig auch die Zahl der Verkaufswilligen ansteigen lassen, kann sich der Kursanstieg nur bei ebenfalls steigenden Umsatzzahlen fortsetzen. Klettern indes die Börsenkurse – wie gerade in den vergangenen Wochen an der deutschen Börse mehrfach erlebt – bei niedrigen Umsatzzahlen, spricht dies nicht für eine anhaltende Hausse, sondern allenfalls für eine technische Reaktion. Freilich verläuft auch eine Steigerungsphase selten völlig geradlinig. Zwischenzeitlich wird immer wieder ein Angebotsüberhang für fallende Kurse sorgen, wobei der Gesamttrend jedoch so lange intakt ist, wie die Nachfrage per saldo noch überwiegt.

Der entscheidende Punkt einer Haussephase ist dann erreicht, wenn der Umsatztrend kippt. Die Kurse einer Aktie sind zu diesem Zeitpunkt sehr hoch geklettert. Oftmals erreichen dann Kurs wie Umsatzvolumen absolute Spitzenwerte. Experten sprechen dann gern von der sogenannten „Dienstmädchen-Hausse“, bei der jeder noch schnell mitspekulieren mochte. In dieser Phase sind die Papiere aus den „starken Händen“ der professionellen Anleger bereits in die „zittrigen Hände“ der Zocker übergegangen. Niemand will zu diesem Zeitpunkt jedoch verkaufen, jeder rechnet mit weiteren Gewinnen. Das hohe Kursniveau und die überreizte Stimmung führen dann dazu, daß einerseits neue Anleger nicht mehr kaufen wollen, andererseits die bisherigen Anleger noch nicht zu Verkäufen bereit sind – insbesondere wenn sie erst in der „heißen Phase“ der Spekulation eingestiegen sind. Daraus resultiert jedoch – und hier liegt der große Vorteil der Umsatzanalyse – ein Rückgang bei den Börsenumsätzen, was von Experten als wichtiges Verkaufssignal gesehen wird. Das Ende der Hausse ist abzusehen: Führen äußere Ereignisse – etwa positive Unternehmensmeldungen – nicht zu einer Neuorientierung der Anleger, wird über kurz oder lang das Angebot durch enttäuschte Anleger die Nachfrage übersteigen. Die Hausse ist beendet, und die Kurse fallen. Das Verlustrisiko ist dabei um so größer, je höher das Papier zuvor gestiegen war.

Gleiches gilt im übrigen auch für eine Baisse-Phase: Sobald der Trend gekippt ist, steigt zwar zunächst der Umsatz als Folge von Panikverkäufen kurzzeitig an, schwächt sich dann aber spürbar ab. Nach und nach steigen nun diejenigen Investoren aus, die sich ein festes Limit für den Verkauf – ein sogenanntes „Stop-Loss-Limit“ – gesetzt haben. Danach kommen all diejenigen Anleger, die mehr nach dem Gefühl handeln, also den fallenden Kursen nicht länger zusehen wollen. Die Folge sind immer steigende Umsatzzahlen. Meist wird sich das Niveau zwischenzeitlich mehrfach wieder stabilisieren, wobei dies einerseits auf einen rückläufigen Verkaufsdruck, andererseits aber auch auf eine verstärkte Nachfrage – „man könnte ja etwas verpassen“ – zurückzuführen ist. Endgültig dem Ende neigt sich dieser Abwärtstrend jedoch erst, wenn hohe Umsatzzahlen den sogenannten „wash out“ kennzeichnen. Der Kurs ist dann bereits so tief gefallen, daß sich jeder Anleger nur noch so schnell wie möglich von seinen Papieren trennen möchte. Niemand erwartet mehr einen Anstieg in absehbarer Zukunft. In dieser Phase gehen die Papiere von den „Zittrigen“ zu den „Hartgesottenen“ über, die sich durch Meinungen und Gerüchte nicht stören lassen. Werden bei drastisch fallenden Kursen Umsatzrekorde erreicht, spricht dies für ein baldiges Ende der Baisse.

Umsatzanalysen sind sowohl kurz- wie auch langfristig aussagekräftig. Insbesondere im kurzfristigen Bereich liefern sie jedoch interessante Ergebnisse. Die Umsatzentwicklung der Deutsche-Bank-Aktie (siehe Graphik) wies bereits ab dem 20. Juli nach einer deutlichen Steigerung eine zunächst stagnierende und dann rückläufige Tendenz auf, so daß danach auch ohne die Krise im Mittleren Osten ein Kursrückgang zu erwarten gewesen wäre. Ende September, also kurz vor dem Wiederanstieg der Aktie von 570 auf 650 Mark, zeigte der Umsatzchart einen steigenden Trend, während Ende Oktober die bevorstehenden Verluste mit einem fallenden Umsatzchart bereits angekündigt worden waren.

Umsatzanalysen bereiten oft dieselben Probleme wie andere Untersuchungsmethoden: Unerwartete Ereignisse – etwa ein plötzlicher Gewinneinbruch – kann auch die Umsatzanalyse kaum prophezeien. Zudem sagt der Umsatz noch längst nichts über den Umfang einer bevorstehenden Kursentwicklung aus. So deuteten die Umsatzzahlen vor dem Börsenkrach von 1987 zwar durchaus auf fallende Kurse hin, kein Analytiker konnte jedoch den Umfang des Kursverfalls – der an einem Tag immerhin 22 Prozent ausmachte – vorhersagen. Solidus