ARD, Donnerstag 29. November: „Showkolade“

Verraten Showmaster etwas über den Charakter ihres Publikums? Dann wäre in der Bundesrepublik der gute Opa mega-in. Versuche mit kecken Enkeln vom Schlage Gottschalk oder Leo verliefen indessen bei den Zuschauern erfolgreich, also muß man vermuten, daß es die Sender sind, die nun mal Opas wollen. Man hängt dort am Ideal des Zeremonienmeisters aus dem vorigen Jahrhundert, der spricht, als wäre das Mikrophon noch nicht erfunden, und sich geriert, als wollte und als könnte er das komplette Saalpublikum in seine endlos offenen Arme schließen. Diese überlebte Variante televisionärer Altenpflege verstopft in den öffentlich-rechtlichen Anstalten die „beste Sendezeit“ mit der Illusion vom Opatum als ultimativem Jux.

Und jetzt kommt auch noch die (Ex-) DDR ins Spiel! Pardon, ich möchte keine Vorurteile verbreiten, aber daß der östliche Teil Deutschlands von gerontokratischen Neigungen nicht frei war, ist bekannt. Und wie im Politbüro, so in der TV-Unterhaltung. Wobei das Opatum keine Frage des Lebensalters, sondern der Einstellung ist. Show-Opas glauben, daß sie allein aufgrund ihrer versöhnlich-jovialen Ausstrahlung und ihrer Weigerung, zu Lebzeiten abzutreten, das Recht haben, die beste Sendezeit als ihr Privateigentum zu betrachten und sie mit ihren synthetischen Freudenausbrüchen zuzuschmieren. Nein, da nehmen Ost und West einander nichts. Karl-Eduard von Schnitzler mußte aus sachfremden, nämlich politischen Gründen gehen – als TV-Daueropa war er eine durchaus normale Institution. Wie Willi Schwabe, der in seiner „Rumpelkammer“ hundert geworden sein soll.

Die ARD hat also jetzt Joint-venturemäßig (DFF/SWF/WDR) Gunther Emmerlich mit seiner Showkolade ins Abendprogramm gebeten, einen Herrn, der, obwohl gewiß noch nicht zur Großvater-Generation rechnend, das Fernseh-Opatum um die Stimmlage Baß bereichert. Der Sänger von der Semper-Oper bringt die Sarastro-Autorität echter Kunst mit, ohne doch die verschmitzte Bonhomie deutscher Showmaster-Tradition vermissen zu lassen. Daß seine betagten Kollegen aus dem Westen sich mit diesem Nachwuchstalent verstehen werden, scheint ausgemacht.

Da naht keine Konkurrenz aus der Richtung kecker Enkel. Im Gegenteil, wie der Name der Sendung schon sagt, weilt man hier witzmäßig in der Mittelsteinzeit. Wir müssen das hinnehmen, da von einem Land, in dem Kurzwarengeschäfte „Nähkörbchen“ und Confiserien „Naschkätzchen“ heißen, nicht mehr zu erwarten ist und die Leute ja auch andere Sorgen haben. Aber wenn Herr Emmerlich, bloß weil er ein Baß ist, intoniert: „In welcher Kneipe sitz’ ich hier“ und in sechs Minuten aus sechs Opern alle Szenen durchsingen läßt, in denen es was zu trinken gibt, dann wird die Toleranz mürbe. Der, wie ich fand, einzige lustige Satz, den Herr Emmerlich mit großem Ernst an das Publikum richtete, hieß: „Meine Damen und Herren, warum trinkt man eigentlich?“ Aber dann kamen Antworten, und deren Pointen stammten wieder aus dem Pleistozän.

Aber was rege ich mich auf – wenn die kecken Enkel in den Sendern die Machtfrage nicht stellen, ist das deren Sache, und Herr Emmerlich hat dasselbe Recht, die beste Sendezeit mit seinem Opatum zu füllen wie Wim Thoelke oder Rudi Carrell. Nur sollte er bei „Sekt, weil er schmeckt“, und verwandten Scherzen bleiben, anstatt uns mit Anekdoten folgender Machart zu nerven: Vor Jahr und Tag sei seine erste Partie in Dresden der zweite Gefangene im „Fidelio“ gewesen, und der habe die Zeile: „Sprecht leise..., haltet euch zurück..., wir sind belauscht“ zu singen gehabt – und da habe Emmerlich singend immer die Stasi gemeint. Also wirklich!

Barbara Sichtermann