Am East River in New York, da, wo bis zur Mitte des Jahrhunderts ein großer Schlachthof noch vor dem Morgengrauen mit seiner blutigen Arbeit begann, residieren seit 1952 die Vereinten Nationen. Morgens um sieben herrscht hier in Manhattan eine beschauliche Ruhe.

So gegen 7 30 Uhr räumen die beiden Obdachlosen, die auf dem Entlüftungsschacht vor dem großen Gitter übernachten, ihre Schlafsäcke zusammen. Kurz darauf treffen sich die Wachleute verschiedener Nationen, alle in der gleichen dunkelblauen Uniform, um die 159 Flaggen zu hissen, je fünf auf einmal, von rechts nach links.

In der großen Kantine an der Südseite erscheinen jetzt allmählich die Sekretärinnen, die Mitarbeiter, Berater, einige von den 25 000 Männern und Frauen, die als internationale Beamte für die Vereinten Nationen arbeiten. Man trinkt einen Kaffee und wirft einen Blick in die Zeitung. Ein älterer Herr mit Monokel im linken Auge liest die Übersetzer, arbeitet aber nur zeitweise hier, weil er es schwer ertragen könnte, "immerzu diese geballten Ladungen von Leerformeln von der einen in die andere Sprache zu transportieren".

In den Gängen sind um diese Zeit die Handwerker unterwegs.

Martin, der Elektriker, arbeitet seit fünfzehn Jahren für die Uno. Sein Job gefällt ihm, weil er gut bezahlt wird und einer guten Sache dient. "Wir können hier einige Dinge friedlich lösen, auch wenn es nicht immer so einfach ist, 159 Länder unter einen Hut zu bringen, auch wenn sich die großen Ideale nicht immer verwirklichen lassen Gregory, der Fensterputzer, seit sechs Jahren dabei, schätzt die Uno, weil hier Menschen, die als einzelne doch so hilflos wären, gemeinsam daran arbeiten, die Welt etwas sicherer zu machen: "Die Ideale hier, für den Frieden, gegen den Hunger, das bedeutet mir eine ganze Menge " Fenster zu putzen, sieht Gregory als einen wichtigen Beitrag: "Ich gebe den Leuten hier einen klaren Blick auf die Welt "

Um 9 Uhr wird es am Besuchereingang lebendig. Aus blauen, gelben und silbernen Bussen steigen Schulkinder und Studenten, aus Brooklyn und New Jersey, aus dem französischen Lyon und dem kanadischen Toronto - aufgeregt und erwartungsvoll die jüngeren, leicht skeptisch und distanziert die älteren. Nancy und Christine, zwölfjährige Mädchen aus Brooklyn, wissen schon genau, was sie hier sehen werden: "Denkmäler und so Sachen und Menschen von vor langer Zeit, so wie Dinosaurier, was Historisches halt " Peter, 16, dagegen hat begriffen, daß sich die Uno um den Weltfrieden bemüht; heute will er sehen, wie das vor sich geht, mit eigenen Augen. Er würde gern mitarbeiten, um die Atomwaffen abzuschaffen.

Eine Gruppe älterer farbiger Schüler aus einer katholischen Schule hat andere Erwartungen an die Uno: "Wir wissen, daß Kinder in vielen Teilen der Erde verhungern und sterben. Die Kinder sind aber die Zukunft. Also müssen wir ihnen helfen und sie beschützen Und wie sollte das geschehen? Michael hätte da eine Idee: "Also, ich würde Abgeordnete aus allen Ländern zusammenrufen und sie alle in einen großen Raum setzen, und dann säßen wir da und würden stundenlang reden und eine Lösung finden. Und wenn wir keine fänden, würde ich bis zum nächsten Tag warten, ich würde sie einfach nicht mehr rauslassen, bis das Problem gelöst ist "