In der DDR hat die sowjetische Besetzung den Bürgerkrieg verhindert, der die Bedingung einer wirklichen Revolution gewesen wäre, oder doch durch bürokratischen Terror substituiert, hat die Bundesrepublik, aus dem natürlichen Interesse an der Erhaltung ihrer eigenen fragil-konservativen Struktur, mit dem sanfteren ökonomischen Würgegriff der Marktwirtschaft die zweite mögliche Revolution im Keim erstickt. Die Quittung für den gebremsten Klassenkampf ist der Umschlag in den Atavismus der Rassenkämpfe, die uns noch lange beschäftigen werden.

Heiner Müller bei der Entgegennahme des Kleist-Preises am 23. November in München

Steadycam

Am Anfang stand die Begeisterung. Die Filmzeitschrift aller Filmzeitschriften wollte der junge Kölner Herausgeber Milan Pavlovic machen. Dafür plünderte er seine Vorbilder aus, übernahm, die wildesten Themen, den aufregendsten Stil, das schönste Layout. Mehr als ein Fan-Magazin für alles Gängige aus Hollywood gelang ihm anfangs nicht. Nach und nach aber konnte Pavlovic interessante Autoren zur Mitarbeit gewinnen: aus Köln (Brigitte Desalm und Wilfried Reichart), aus Berlin (Ulrich von Berg), aus München (Michael Althen, Fritz Göttler und Hans Schifferle). Die Begeisterung fürs amerikanische Kino blieb. Doch ab Heft 9 kam eine neue Qualität in die Zeitschrift. Nun gab es präzisere Auseinandersetzungen im Detail, Blicke auf Entlegenes und einen Sinn für historische Zusammenhänge. Vom Herbst 1988 an erschien Steadycam dann mit neuem Layout im Verlag vgs/Köln. Nun, nach Heft 17, dem mit Abstand besten (mit Texten und Materialien zu Jean-Luc Godard, Alain Delon, Jean-Pierre Melville, Martin Scorsese, David Lynch) hat der Verlag seinem Herausgeber gekündigt. Die Rede über Film hierzulande, sie wird bald um eine wichtige Stimme ärmer sein.

Paul Hoffmann

Die Doktorarbeit über den Burgtheaterdirektor Deinhardtstein ließ der Sohn eines Schwank-Autors und Theaterkritikers liegen, um als Schauspieler auf die Bühne zu springen. Da war der 1902 in Düsseldorf Geborene zweiundzwanzig Jahre alt. Vierundvierzig Jahre später, in einem Alter, da andere ihr Feierabend-Dasein beginnen, nahm er selber Platz im Direktions-Büro des Wiener Burgtheaters. Die Wiener liebten ihn, wie er weder in Dresden (1927 bis 1946) noch in Stuttgart (1946 bis 1968, von 1952 bis 1957 als Schauspieldirektor) verehrt worden war, auch wegen seiner „Sprachkultur“. Dabei hatte der Student mit der für ihn charakteristischen Fächerkombination Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie, nie Schauspielunterricht gehabt. Der schlanke Schöngeist mit der Silbermähne, dessen Haupt dem des alten Goethe immer ähnlicher wurde, spielte in einem langen Bühnenleben alle wichtigen Rollen, vom Hamlet über Mephisto bis zum Psychiater in Eliots „Cocktail Party“. Vor anderthalb Jahren saß er in Peymanns Inszenierung des „Tell“ als Freiherr von Attinghausen, wie Schiller es wünscht, „in einem Armsessel, sterbend“. So werden wir ihn in Erinnerung behalten: ein in aller Gebrechlichkeit jünglingshaft wirkender Greis, der in die atemlose Stille Abschiedsworte spricht, die nun ihm selber gelten: „Was tu ich hier? Sie sind begraben alle, /Mit denen ich gewaltet und gelebt. / Unter der Erde schon liegt meine Zeit.“ Nun ist Paul Hoffmann in Wien gestorben, 88 Jahre alt.

Tiere sehen dich an

Auch der Redakteur in den feineren Feuilletons greift gelegentlich gerne zu den dpa-Nachrichten aus dem Fernschreiber. Wo, wenn nicht bei dpa, wäre (brausend!) das Leben? Im Winter, so meldet dpa, vermissen die Tiere in den Zoologischen Gärten die Besucher, sie verfallen in Langeweile und tiefe Lethargie. „Wir übersehen leicht, daß für unsere Tiere die Menschen ebenso interessant sind wie umgekehrt“, sagt der Biologe Günter Merz, sagt dpa. Liebe Tiere! (ruft da der Feuilletonredakteur), Ihr auch? Wißt Ihr nicht, daß für uns Menschen die Politiker ebenso interessant sind wie umgekehrt? Und (ruft, da er nun gerade am Rufen ist, der Redakteur seinen Lesern zu) ihr lieben Leser! Wisset, daß auch die Leser für uns ebenso interessant sind wie umgekehrt. So gesehen könnte man fast sagen, daß die Leser die Tiere des Redakteurs und die Redakteure die Tiere des Politikers und die Menschen die Politiker des Tiers und daß (um es auf den Punkt zu bringen) die Tiere schließlich auch nur Menschen sind. Entsetzlich, diese Langeweile überall! „Dagegen wissen auch die Tierpfleger kein Rezept.“